Von April bis Oktober 2016

Einführungsrede von Dr. Josef Zierden zu Anne Gesthuysen

27. Mai 2014 in Daun

Am Anfang war ein Aktenordner. Ein „graues Etwas“, wie es heißt, mit dem Geruch von Mottenkugeln. Gefüllt mit juristischen Schriftstücken. Aus einem langen Scheidungskrieg um eine kurze Ehe zu Anfang der 1950er Jahre.

Ein Scheidungskrieg um eine christdemokratische Politikerlegende vom Niederrhein, um einen politischen Freund von Konrad Adenauer und Heinrich Lübke: Gemeint ist Heinrich Hegmann aus der Nähe von Xanten,  von 1946 bis 1966 Mitglied des nordrhein-westfälischen Landtags für den Wahlkreis Moers-Nord.

Was aus dem Aktenordner-Fund und aus der Aktenordner-Lektüre geworden ist, das wissen wir: ein Bestsellerroman aus der Feder der Journalistin und ARD-Morgenmagazin-Moderatorin Anne Gesthuysen.

Als Hardcover fast 200.000 mal verkauft seit seinem Erscheinen im November 2012. Als Taschenbuch, im März 2014 erschienen, steht der Roman gerade in diesen Tagen immer noch oder schon wieder auf Platz 1 der SPIEGEL-Bestsellerliste. Und schon hören wir, dass die Produktionsfirma UFA eine Verfilmung plant und dass deren Geschäftsführer schwärmt: „das berührendste Generationenporträt seit Jahren“.

Wie die Journalistin und Fernsehmoderatorin Anne Gesthuysen das schafft, aus jahrzehntealten Prozessunterlagen, aus der Frühzeit unserer Republik erzählerische Funken von literarischer Breitenwirkung zu schlagen, das hat vielfältig Bewunderung gefunden. Etwa bei dem Literaturkritiker Denis Scheck. Für ihn ist der Roman eine literarische Verbeugung vor dem Niederrhein und seinen Bewohnern, gespiegelt in drei wunderbaren Frauengestalten. Anne Gesthuysen kennt sie alle, die Hauptfiguren ihres Romans. Hat sie doch schon als kleines Kind, gerade mal wenige Wochen alt, auf den Knien von Heinrich Hegmann sitzen dürfen - ein Ritterschlag in der Familie, wie Anne Gesthuysen im Nachwort schreibt. Und sind es doch ihre Großtanten Gertrud, Paula und Katty, denen Sie mit diesem Buch ein literarisches Denkmal setzt. Da diese drei Tanten/ drei Schwestern uralt geworden sind, zwei sogar über einhundert Jahre, hat Anne Gesthuysen sie noch viele Jahre persönlich erleben dürfen. Familienerzählungen und eben der graue Aktenordner taten ein Übriges zur Inspiration und Imagination. Drei Schwestern, drei Leben, insgesamt fast 300 Jahre gelebtes Leben - im Roman werden daraus drei Jahrhunderte erlebter Geschichte, Familiengeschichte wie Zeitgeschichte, vom 19. Jahrhundert über das 20. Jahrhundert bis ins 21. Jahrhundert. Im wesentlichen vom Kaiserreich über die Weimarer Republik und die Hitler-Diktatur bis hin zu den frühen Jahren unserer Bundesrepublik. Wobei etwa Kattys Mutter noch vor der Reichsgründung 1871 geboren worden ist, nämlich 1869. Familiengeschichte und Zeitgeschichte, die große und die kleine Welt, vom Weltgeschehen bis zum Familienalltag auf einem Gutshof vor den  Toren von Xanten, im Familienbesitz seit 1636: das alles entfaltet Anne Gesthuysen mit großem erzählerischen Atem und viel anekdotengewürzter Kurzweil. Rund um die „Golden Girls vom Niederrhein“, wie Anne Gesthuysen ihre drei Großtanten in einer Fernsehreportage vor gut 20 Jahren einmal genannt hat. Selbstbewusst und eigensinnig sind die, trinkfest und schicksalserprobt. Einen Zauberberg an Geschichten hat die Geschichte da angehäuft - und in Anne Gesthuysen hat sie eine charmante Chronistin gefunden: mit Respekt vor den Fakten, mit Lust an journalistischer Recherche ebenso wie an romanhaft-phantasievoller Ausschmückung, gewürzt mit Kaffeetafel-Plaudereien und Familiengerüchten. „Ein großes Glück“ nannte Spiegel online Anne Gesthuysens Roman „Wir sind doch Schwestern“, mache er doch uns alle zum Teil der Familie.

Meine sehr geehrten Damen und Herren - am Anfang war ein Aktenordner, in der Familie über Generationen weitergereicht. Er sollte ungelesen verbrannt werden. Für uns ist es ein Glück, dass genau das nicht geschehen ist - und dass Anne Gesthuysen aus den unverbrannten Akten erzählerische Funken geschlagen hat.
Nicht minder ist es ein Glück, die Autorin heute Abend in der Eifel begrüßen zu können:
Herzlich willkommen beim 11. Eifel-Literatur-Festival 2014, herzlich willkommen im Forum Daun: die ARD-Morgenmagazin-Moderatorin und Romanautorin Anne Gesthuysen - und mit ihr die drei tollen Tanten vom Niederrhein.

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