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Leonie Swann am 12. September in Bitburg
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
Ausgerechnet Schafe!
Ausgerechnet Schafe als detektivische Ermittler?
Die doch eher als faul gelten und behäbig,
als feige und furchtsam,
als gedankenlos und einfältig.
Die doch kaum etwas machen außer Fressen, Schlafen und Blöken?
Und doch sind Schafe für Leonie Swann, Autorin des ersten Schafskrimis der Welt, die idealen Ermittler.
Weil sie „unauffällig und hartnäckig“ sind,
weil sie „einen frischen, neugierigen Blick auf die Welt und ihre Bewohner haben“,
weil man ihnen dank ihres guten Geruchssinns nicht so leicht etwas vormachen kann;
weil sie Herdentiere sind, also hervorragend im Team.
So werden bei Leonie Swann die Schafe, gemeinhin eher die Gejagten, zu Jägern.
Die es allerdings schwerer haben als andere tierische Ermittler.
Weil sie sich ständig überwinden müssen.
Weil sie sich beispielsweise nicht auf einem Hausdach oder in einer Baumkrone verstecken und von dort aus Informationen zusammentragen können.
Weil sie sich oftmals mehr auf Mut und Glück verlassen müssen als auf überragende Intelligenz.
Und weil sie keine „Multitalente“ sind, sich also gegenseitig brauchen.
„Jedes Tier“, hat Swann einmal in einem Interview gesagt, „hat eine spezielle Stärke, von der andere profitieren. Das gefällt mir sehr“.
Wobei reizvoll obendrein ist, dass ein Schafsleben voller Missverständnisse und voller überraschender Wendungen sein kann, was Schreiben wie Lesen oftmals spannend und komisch zugleich macht.
In Irland hat Leonie Swann zum ersten Mal ganz bewusst Schafe beobachtet, also dort, wo „Glennkill“ spielt: auf den grünen und fetten irischen Weiden, zwischen Schäferwagen und Steilklippen, zwischen Dorfkirche und Meer.
Hier hat sie sich sogar von einer Schafsexpertin beraten lassen, um sich ganz in diese Tiere hineinversetzen zu können.
Denn im Roman „Glennkill“ sollen Menschen Menschen und Schafe Schafe bleiben, ohne allzu große Vermenschlichungen.
Wobei sich nicht nur herausstellt, wie verschieden Menschen und Schafe sind, sondern auch: wie ähnlich, ähnlicher vielleicht, als wir denken, in all ihren Stärken und Schwächen.
Da gibt es - bei der Schafherde wie bei der Menschenherde - natürlich weiße und schwarze Schafe, verlorene Schafe, dumme Schafe und kluge Schafe, gutmütige Schafe (lammfromm) und räudige Schafe.
Was noch auffällt ist: so belesene Schafe und mitunter so scha(r)f-sinnige Schafe wie diese hat es noch nie gegeben. Kein Wunder bei einer literaturwissenschaftlich gebildeten Autorin, der es Spaß macht, ihre literarischen Anspielungen kreuz und quer über den Text zu verteilen.
„Miss Maple“, das klügste Schaf der Herde, das klügste Schaf von Glennkill und vielleicht der ganzen Welt: es verdankt seinem Namen natürlich der großen Miss Marple von Agatha Christie.
Oder der schwarze Vierhornwidder Othello, der darauf hinweist, dass nicht nur ein Mensch, sondern auch „ein sehr großer Affe“ ein Gewaltverbrechen begehen könne: eine Anspielung auf den Orang-Utan in Edgar Allan Poes berühmter Erzählung vom „Mord in der Rue Morgue“.
Und natürlich das Autorenpseudonym „Swann“: Es ist eine Verbeugung vor dem französischen Schriftsteller Marcel Proust und seinem Romanzyklus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, einem der eindrucksvollsten Bücher der Weltliteratur.
Kein Wunder, dass sich die Schafe von Glennkill auch der philosophischen und literarischen Welt der Menschen nähern,
- dass sie zuweilen meditieren und philosophieren über den Zusammenhang von Seele und Geruchssinn,
- dass sie jenseitigen Wolkenschafen nachsinnen,
- dass sie sich wundern über Menschen, die in einem Gotteshaus ein Lamm verehren, das sie „den Herrn“ nennen, während an einer Wand ein nackter Menschan hängt, der aus vielen Wunden blutet;
- dass sie sich gerne gute Geschichten vorlesen lassen oder untereinander erzählen, Feenmärchen wie Krimis, Liebesromane wie schaurige Legenden.
Ja, dass sie den Mord an George Glenn überhaupt nur aufklären können, weil ihnen ihr Schäfer ständig aus Krimis vorgelesen hat und ihnen nur so Wörter wie „Ermittlungen“, „Indizien“ und „Detektiv“ vertraut sind.
Wie die Schafe überhaupt wesentliches Wissen über die Menschen und ihre Welt den Groschenromanen entnehmen, aus denen ihnen ihr Schäfer vorgelesen hat.
Wenn Schafe so innig der Literatur vertrauen und sich von ihr im Alltag leiten lassen, heißen wir die grasenden Wollknäuel von Glennkill und ihre Autorin umso herzlicher willkommen beim Eifel-Literatur-Festival.
Herzlich willkommen also beim 8. Eifel-Literatur-Festival, herzlich willkommen im neuen Sudhaus der Bitburger Brauerei, wo sich Tag für Tag so manches zusammenbraut und manches untergründig gärt, wie sonst nur in der geheimnisvollen Welt von Glennkill:
Herzlich willkommen, für ein literarisches Schäferstündchen in der Eifel: Leonie Swann!


