Von April bis Oktober 2016

Der Roman „Der Vorleser“ machte ihn weltberühmt.

Bernhard Schlink kam in die Eifel: mit „Sommerlügen“

Einführungsrede von Dr. Josef Zierden

Bernhard Schlink. Wer denkt da nicht an den Welterfolg des Romans „Der Vorleser“. Ein Sensationserfolg, wie ihn die deutsche Gegenwartsliteratur seit Erscheinen der „Blechtrommel“ von Günter Grass nicht mehr erlebt hatte. In 45 Sprachen übersetzt, millionenfach verbreitet. Von Hollywood sehr erfolgreich verfilmt, mit Kate Winslet und David Kross in den Hauptrollen. „Der Vorleser“ machte Bernhard Schlink weltberühmt. Und gehört längst schon zum Lektürekanon an deutschen Schulen.

Bernhard Schlink, „Der Vorleser“. Wer denkt da nicht an den 15 jährigen Gymnasiasten Michael Berg und seine Liebe zu einer erwachsenen Frau, zu der 21 Jahre älteren Hanna Schmitz. Die sich so gerne vorlesen lässt. Mit der er seine erste Liebe erlebt. Die eines Tages spurlos verschwindet. Die er Jahre später wiedersieht in einem Auschwitz-Prozess, wo sie mit anderen ehemaligen KZ-Aufseherinnen angeklagt ist. Die ihre jüdischen Opfer dazu missbraucht hat, ihr vorzulesen, bevor sie in den Tod geschickt wurden. Eine Analphabetin, die genau diese Schwäche im Prozess schamvoll verschweigt und zu lebenslanger Haft verurteilt wird. Während ihre Mitangeklagten mit geringen Freiheitsstrafen davonkommen. Michael fühlt sich mitschuldig. Und schickt ihr regelmäßig Kassetten ins Gefängnis, besprochen mit Werken der Weltliteratur. So lernt Hanna autodidaktisch lesen und schreiben und setzt sich mit den Verbrechen der Nationalsozialisten auseinander. Am Tag der Entlassung, nach 18 Jahren Haft, bringt sie sich um. Und lässt einen Protagonisten voller Zweifel und Schuldvorwürfe zurück: „Also blieb ich schuldig. Und wenn ich nicht schuldig war, weil der Verrat einer Verbrecherin nicht schuldig machen kann, war ich schuldig, weil ich eine Verbrecherin geliebt hatte.“ Die liebenswerten und zugleich furchtbaren Seiten eines Menschen. Die komplizierte Verkettung von Schuld und Scham. Die Unmöglichkeit einer abstrakten kollektiven Verurteilung einer ganzen Generation durch die nächste. Die Hinwendung zur Rechtsgeschichte als Fazit des Romans, orientiert an Homers „Odyssee“: Sie ist „die Geschichte einer Bewegung, zugleich zielgerichtet und ziellos, erfolgreich und vergeblich. Was ist die Geschichte des Rechts anderes.“

Bernhard Schlink und „Der Vorleser“. Bernhard Schlink und die Vergangenheit. Bernhard Schlink und die Frage nach Recht und Gerechtigkeit. Die Vergangenheit, die nicht vergehen will. Wahrheit und Richtigkeit, die sich nicht in einem Urteilsspruch erschöpfen. Deren Komplexität vielleicht nur im Erzählen beizukommen ist.

Es ist ein Jurist, der hier schreibt, nicht nur ein studierter, sondern ein praktizierender, auf höchstem Niveau: als Professor für Staatsrecht. Als Verfassungsrichter. Als Verfasser zahlreicher Fachbücher. Stilistisch unverkennbar: in der präzisen, schmucklosen Sprache, in „der Freude am geschliffenen  Dialog, in der Freude an argumentativen Wortgefechten“, wie es Martin Ebel einmal charakterisiert hat.

Bernhard Schlink: Das ist der Verfasser von „Der Vorleser“ - und ist es nicht nur.
Mit Kriminalromanen hat er begonnen, mit dem Anspruch niveauvoller Unterhaltung: mit der Trilogie „Selbs Justiz“, 1987,  „Selbs Betrug“ 1992 und „Selbst Mord“ 2001. Romane mit dem Privatdetektiv Gerhard Selb im Mittelpunkt, einem 68 Jahre alten Mann mit unrühmlicher Vergangenheit. Die einmal mehr in die Zeit des NS-Regimes und des 2. Weltkriegs führen, mit selbstkritisch reflektierten Verstrickungen von Selb. Scheinbar harmlose Fälle, die sich öffnen zu unendlichen Motiv- und Kausalketten und die an viel mehr interessiert sind als an der schlichten Frage, wer denn nun der Täter sei. Auch hier: Vergangenheit, die nicht vergehen will. Ob Giftgaslager aus dem Ersten Weltkrieg, ob jüdische Schicksale im Dritten Reich, ob Terrorismus der 70er Jahre oder Wiedervereinigungskriminalität.

Es folgen die Romane „Die Heimkehr“, 2006 und „Das Wochenende“, 2008. Es folgen die Erzählbände „Liebesfluchten“, 2000 und - im Mittelpunkt des heutigen Abends, „Sommerlügen“, 2010 erschienen. Erzählbände, in denen sich Schlink als „Meister der kleinen Form“ erweist, bestechend durch ihre „erzählerische Ökonomie, dramaturgische Klarheit und prägnante Schilderung“ (Sandro Moraldo). Geschichten über die Liebe, als Inbegriff menschlichen Glücks wie als leidvolle Erfahrung. Zeitgeschichtlich immer wieder verknüpft mit den Wirren der Politik und der Geschichte, von der NS-Zeit über die 68er-Revolte bis zur Wiedervereinigung Deutschlands. Und in den sieben Geschichten in „Sommerlügen“: Da geht es um die Liebe zwischen Mann und Frau und auch zwischen Eltern und Kindern. Um die Flüchtigkeit des Glücks. Um Illusionen, um Selbstbetrug, um Lebenslügen. Was ist Illusion und was stimmt? Und was bleibt, wenn eine Illusion zerplatzt? „Erzählungen, die süchtig machen“, urteilte „Deutschlandradio Kultur“. Süchtig machen nach einem „begnadeten Erzähler“.

Herzlich willkommen beim 10. Eifel-Literatur-Festival 2012,
herzlich willkommen im Atrium des Cusanus-Gymnasiums zu Wittlich: der weltberühmte Erzähler Bernhard Schlink.