Von April bis Oktober 2016

Einführungsrede von Dr. Zierden zu Daniel Kehlmann

Wittlich, 6. Juni 2014

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

19. Mai 2006, Euskirchen, Marienschule: Daniel Kehlmann ist zum ersten Mal Gast des Eifel-Literatur-Festivals - mit seinem jüngsten Roman „Die Vermessung der Welt“.

Der ist damals schon mehr als 30 Wochen Spitzenreiter auf allen Bestsellerlisten.
Hat „Harry Potter“ vom Bestsellerthron gestoßen.

Hat die Literaturkritiker zu Jubelstürmen hingerissen. Als einen „Geniestreich“ haben sie den Roman gefeiert  und den Autor gar als „ein Wunderkind der deutschen Literatur“.
Und im nüchternen Betonbau des städtischen Gymnasiums zu Euskirchen - da vibrierte schon bald der Sound des Konjunktivs.

Die Magie der indirekten Rede entfaltete sich.
Mit Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß entstiegen zwei Geistesgenies den Buchseiten.
Beide unbezähmbar in ihrer wissenschaftlichen Neugier. 

Überall unterwegs der eine, weltweit, bis hin zum Orinoko und zum Amazonas - und doch typisch deutsch geblieben.
Meistens zuhause geblieben der andere, im heimischen Göttingen - und doch ein Inbegriff grenzenloser geistiger Mobilität.
Beide, Humboldt wie Gauß, hingegeben der quantifizierenden Vermessung der Welt - und dem vermessenen Glauben von Naturwissenschaftlern, den chaotischen Kosmos mit einem „Netz aus Geraden, Winkeln und Zahlen“ vermessen und enträtseln zu können.

Beseelt von der fortschrittsgläubigen Utopie der Perfektionierung des Wissens und der Beherrschung der Natur durch den Menschen.

Wie vermessen ist doch Humboldts hymnische Verklärung der Wissenschaft, die alle Probleme der Menschheit wie „Angst, Krieg und Ausbeutung“, ja bald schon „das Problem des Todes“ lösen werde - geäußert im Jahre 1828.

Acht Jahre ist das her, die erste Festivallesung mit Daniel Kehlmann in der Eifel.
Längst hat der Roman „Die Vermessung der Welt“ seinen Siegeszug angetreten, weltweit. Übersetzt in 46 Sprachen, 6 Millionen mal aufgelegt. Ein Welterfolg.

Die Literaturwissenschaft hat sich des Romans angenommen, Materialien, Dokumente und Interpretationen gehäuft.
Und an den Gymnasien dürfen sich längst schon die Schüler an der Lektüre freuen und  die Abiturklausuren fürchten.

Und nun, im Juni 2014 in Wittlich, vier Festivalauflagen weiter, dürfen wir uns endlich wieder auf eine Lesung mit Daniel Kehlmann in der Eifel freuen.

Aus einem neuen Roman, seinem sechsten. Unscheinbar schlicht oder geheimnisvoll knapp ist er betitelt - mit dem Buchstaben „F“.

Für viele war das der wichtigste Buchstabe des Bücherherbstes 2013.
Ein einziger Buchstabe, eine Chiffre - die stehen kann für Familie, für Fälschung, für Finanzkrise, für Fatum, für Fiktion.
F wie Familie: Ein Familienroman ist der Roman zuallererst -  rund um Vater Arthur Friedland, seine Söhne Martin und die Zwillingsbrüder Eric und Iwan. Benannt sind die nach den Rittern der Tafelrunde - auch wenn sie und Papa Arthur alles andere als ritterlich sind.

F wie Fälschung: Heuchler, Betrüger, Fälscher sind die Söhne in Kehlmanns literarischer Tafelrunde. Auf Lüge und Täuschung aufgebaut ist ihr Leben: ob als Priester, als Spekulant oder als Maler.

F wie Finanzkrise: Das Jahr der Finanzkrise 2008, der schlimmsten Finanzkrise seit dem Schwarzen Freitag 1929, markiert die Erzählgegenwart des Romans. Als die Immobilienblase in den USA platzte. Als die Aktienkurse in den Keller rauschten. Als die viertgrößte Investmentbank der Welt, die Lehman Brothers, zusammenbrach. Genauer: Im Sommer vor dieser Finanzkrise im Herbst spitzt sich die Handlung zu, konzentriert auf das magisch klingende Datum 8.08. 2008 - ein sinniges Datum für die turbulente Achterbahn des Lebens, die vor unseren Augen auf und ab rattert.

F wie Fatum: Zufall oder Schicksal, was entscheidet über unser Leben? Das ist eine Grundfrage des neuen Romans.
F wie Fiktion: Als Schwindler und Hochstapler sind alle fiktiven Figuren der Romans potenzierte Meister der Fiktion - und erst recht ist es der Autor, der geradezu berühmt ist für sein poetisches Zauberspiel mit Imagination und Wirklichkeit, für seine „metafiktionalen Spiegelkabinette“.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
es ist mehr mehr als nur Einbildung und Täuschung, wenn wir  im realen Hier und Jetzt einen der bedeutendsten deutschsprachigen Autoren der Gegenwartsliteratur begrüßen.

Herzlich willkommen beim 11. Eifel-Literatur-Festival 2014, herzlich willkommen im Eventum zu Wittlich: der meistübersetzte Autor der deutschen Gegenwartsliteratur, der poetische Weltvermesser und Meister der literarischen Fiktion - Daniel Kehlmann.