Einführungsrede zu Elke Heidenreich und Bernd Schroeder

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

sieben Jahre sind es her, dass wir beim Eifel-Literatur-Festival Elke Heidenreich und Bernd Schroeder lauschen konnten - und ihren „rudernden Hunden“. Rudernd auf einem Meer von erfundenen und erlebten Geschichten, umgeben von liebenswerten Käuzen, sonderbaren Spinnern, tolpatschigen Verehrern. Herrlich komisch und immer wieder ergreifend traurig.
2003 war das - Elke Heidenreich hatte gerade, am 29. April, durch ihre erste ZDF-Sendung „lesen!“ geführt, von 2,5 Mio. Zuschauern am Bildschirm verfolgt. Eric-Emmanuel Schmitts „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“, trat damals seinen Siegeszug in den Bestsellerlisten an. „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupery erklang als Hörbuch, gelesen von Ulrich Mühe - dem großen Schauspieler, der im Juli 2007 gestorben ist.
Mit gerade mal 30 ZDF-Minuten, sechs bis achtmal im Jahr, schaffte es Elke Heidenreich, Leute ans Lesen zu kriegen,“die Angst haben vor dicken Büchern oder davor, dass sie den Namen des Autors falsch aussprechen“. Gelang es ihr, „Leute ans Lesen zu bringen, die noch nie gelesen haben“. Weckte sie leidenschaftlich die Lust am Lesen, katapulierte sie Buchtitel um Buchtitel auf die ersten Plätze der Bestsellerlisten. Wie keine Zweite hat sie Menschen für Bücher begeistert.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, wir alle wissen: das ist seit Oktober 2008 leider Vergangenheit, als sich Marcel Reich-Ranicki weigerte, den Deutschen Fernsehpreis anzunehmen und ihm eine erboste Elke Heidenreich mit einer enthusiastischen Medienschelte und ZDF-Kritik wohlmeinend zur Seite sprang... Heute verirren sich allenfalls Nachteulen in die Nachfolgesendung „Die Vorleser“ mit Amelie Fried und Ijoma Mangold, die seit Juli 2009 ausgestrahlt wird - zunächst um 22.30 Uhr, dann um 23.00 Uhr, derzeit um 23.45 Uhr. Nicht der geringste Ausschlag auf den Bestsellerlisten verrät mehr die Existenz eines Büchermagazins im Zweiten Deutschen Fernsehen.

Elke Heidenreich hat seither die Zeit genutzt, zunächst für ihre zweite Leidenschaft, die Musik: Sie widmete sich der Dichtung von Opernmusik, wobei leider eine schwere Erkrankung des Hamburger Pianisten und Komponisten Marc-Aurel Floros die Uraufführung ihrer ersten Oper „Adrians Fall“ in der Oper Köln im Dezember 2008 verhinderte. Im Herbst 2009 startete sie mit einer Edition bei Bertelsmann, spezialisiert auf Literatur zur Musik. Opern-Librettistin, Herausgeberin, Moderatorin, Literaturkritikerin - für uns ist erfreulich, dass sich Elke Heidenreich auch wieder auf das Schreiben verlegt hat, gemeinsam mit Bernd Schroeder.
Seit der „Nachtcafé“-Sendung mit Wieland Backes im SWR-Fernsehen Anfang Mai wissen noch mehr Menschen als ohnehin, dass die beiden seit 38 Jahren verheiratet sind, also seit 1972.
Und dass sie 15 Jahre davon bereits getrennt leben. Doch dass das Kapitel Heidenreich-Schroeder damit nicht beendet ist. Ein gemeinsames Bankkonto zeugt von der anhaltenden Verbundenheit ebenso wie Elke Heidenreichs Credo: „Wir sind untrennbar! Für mich käme kein neuer Partner in Frage, der das nicht akzeptiert!“
Und wie künstlerisch produktiv eine solche „alte Liebe“ sein kann, das beweist das jüngste Buch von Elke Heidenreich und Bernd Schroeder. Da wird erzählt von einem alten Ehepaar, das sich nach 40 Jahren eigentlich schon alles gesagt hat. Eine Ehe, geprägt von den 68ern: weltoffen, sozial, links. Pensioniert der eine, Harry, ehemaliger Architekt im Bauamt, Hobbygärtner und eher Kulturmuffel. Kurz vor der Pensionierung stehend die andere, Lore, leidenschaftliche Bibliothekarin, die auch schon mal Martin Walser als Lesungsgast begrüßen kann. Die nicht loslassen kann und sich für unersetzlich hält.
Ein Roman, der wunderbar dahinfließt in spritzigen Monologen und Dialogen, voller Selbstironie und satirischen Spitzen, in klugen Gedanken zum Lieben und Leben mit Mitte 60, zu den Idealen von 1968 und was daraus geworden ist. Eine Tochter etwa, Gloria, antiautoritär erzogen, die nach zwei gescheiterten Ehen ihr Glück mit einem millionenschweren Industriellen versucht. So uneins sich Harry und Lore in vielen Dingen sein mögen, so einig sind sie sich dieses Mal: Gloria hat alles Mögliche in ihrem Leben falsch gemacht.
„Alte Liebe“ erzählt unterhaltsam und anregend von einer Durchschnittsehe mit Höhen und Tiefen, deren Geheimnis darin liegt, dem anderen nicht alles zu sagen, was man so denkt. Ehealltag, im schnodderigen Plauderton und pointiert erzählt, aber immer auch dahinschaukelnd im Wechselbad der Stimmungen, mal hoffnungsfroh, mal hoffnungslos, mal aufgekratzt, mal depressiv.
Eine alte Liebe; Liebe im Alter; Liebe, die nicht altert: erkennen doch Harry und Lore trotz immer neuer Hakeleien, was ihnen beiden wichtig ist und was sie immer noch verbindet.
Ein unterhaltsamer Roman, mit Leichtigkeit geschrieben und doch von beachtlichem Gewicht.

Herzlich willkommen beim 9. Eifel-Literatur-Festival 2010, in der Stadthalle Rondell zu Gerolstein - herzlich willkommen endlich wieder, nach 7 langen Jahren: Elke Heidenreich und Bernd Schroeder!

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