Einführungsrede zu Inge Jens

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

eine Frau im Schatten eines berühmten Mannes? Im Schatten von Walter Jens, einem der klügsten und wortgewaltigsten Köpfe der Bundesrepublik? Mit dem sie seit fast 60 Jahren verheiratet ist?
Man muss nicht erst das jüngste Buch von Inge Jens lesen, ihre „Unvollständigen Erinnerungen“, um ein ganz anderes Bild von ihr zu bekommen.
Zu glanzvoll sind ihre editorischen Leistungen, zu glanzvoll ist ihr quellenakribisches Eintauchen in die Welt von Thomas Mann, zu glanzvoll sind ihre eigenen Bucherfolge, als dass man Inge Jens nur als Professorengattin, als „Frau an seiner Seite“ wahrnehmen könnte.
Zwar erhält sie die Chance, Briefe des Literatur-Nobelpreisträgers Thomas Mann an den Kölner Germanisten Ernst Bertram herauszugeben, weil ihr Ehemann Walter selber dazu keine Lust hat und stattdessen sie als Herausgeberin empfiehlt. Aber aus diesem glücklichen Zufall erwächst die lebenslange Beschäftigung mit Thomas Mann und seiner Familie:

  • mit seinen Briefen an Ernst Bertram, 1960 veröffentlicht,
  • mit seinen Tagebüchern, die sie von 1986 bis 1996 herausgegeben hat - ein philologisches Mammut-Projekt in 10 Bänden, über 5000 Seiten stark. Sachkundig kommentiert, ohne sich je vor die Aufzeichnungen des „Zauberers“ Thomas Mann zu drängen

Es folgte die Bestseller-Trilogie zur Familie von Katja Mann, ein gemeinsames Buchprojekt mit ihrem Mann Walter. Wobei Inge Jens zunächst in den Archiven recherchierte und ihr Mann das Material zu einem Text verarbeitete. „Frau Thomas Mann“ (2003), „Katjas Mutter“ (2005) und „Auf der Suche nach dem verlorenen Sohn“ (2006) heißen die Bestseller, geschöpft aus vielen unbekannten Schriftstücken aus bis dahin verschlossenen Archiven - immer neu eine Einladung zu vergnüglichen Neuentdeckungen.
Katja Mann - auch eine Frau an der Seite eines berühmten Mannes, eben „Frau Thomas Mann“. Eine Frau, die sich - resignativ wie stolz - als „Zubehör“ von Thomas Mann betrachtete - im Bewusstsein, dass erst richtiges Zubehör ermöglicht, „die in einem Menschen vorhandenen Möglichkeiten zu entfalten“.

Vom großen Bucherfolg „Frau Thomas Mann“ handelt das letzte Kapitel in den „Unvollständigen Erinnerungen“ von Inge Jens. 2003 - da feierte ihr Mann Walter Jens seinen 80. Geburtstag. Da absolvierte er gemeinsam mit Inge Jens viele Lesereisen und freute sich am Beifall großer Auditorien. Da stand aber im Herbst auch der Vorwurf im Raum, Walter Jens sei Mitglied der NSDAP gewesen - vom tiefgekränkten

Beschuldigten heftig dementiert. Da überschatteten immer stärker werdende Krankheitssymptome schon die Arbeit am Buch „Katias Mutter“ und die anschließende Lesereise.

Mit der schweren Demenz-Erkrankung ihres Mannes, der inzwischen in seiner eigenen Welt lebt, kommen die gedruckten Erinnerungen von Inge Jens in der Gegenwart an.
Sie beginnen mit Kindheit und Jugend in der Weimarer Republik und im Dritten Reich. Sie durchschreiten die Geschichte der Bundesrepublik, des geteilten Deutschlands in immer neuen Begegnungen und Gesprächen mit der Creme der Intellektuellen - bei Treffen der Gruppe 47, zuhause in Tübingen, der „kleinen großen Stadt“, wo der Literaturwissenschaftler Hans Mayer und der Philosoph Ernst Bloch, die Verleger Ernst Rowohlt und Helmut Kindler, der Schriftsteller Wolfgang Hildesheimer oder Theologe Hans Küng immer wieder zu Gast waren.
Die als Normalität empfundene Anormalität im Dritten Reich;
der 2. Weltkrieg als bis heute entscheidende Lebenserfahrung und Urgrund ihres späteren Engagements in der Friedensbewegung; ihr betont gewaltloses Engagement in der Friedensbewegung, nicht zuletzt bei der Prominentenblockade am 1. September 1983 in Mutlangen, zusammen mit Heinrich Albert, Heinrich Böll, Helmut Gollwitzer, Dorothee Sölle und Horst-Eberhard Richter; das Verstecken zweier amerikanischer Deserteure während des 2. Golfkriegs.
Auch das sind gewichtige Erinnerungen einer ungewöhnlichen Frau an ein couragiertes, engagiertes Leben, im Spannungsfeld zwischen Geist und Macht, zwischen Mitläufertum und Widerstand - ein eindrucksvolles Stück Zeitgeschichte und ein Spiegel großer, gänzlich uneitler Menschlichkeit.

Herzlich willkommen beim Eifel-Literatur-Festival 2010, im Festsaal von Haus Beda in Bitburg - herzlich willkommen Inge Jens.

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