Von April bis Oktober 2016

Eine verheiratete Frau auf Abwegen

Kerstin Gier und der unterhaltsame Frauenroman

Einführungsrede Dr. Josef Zierden zu Kerstin Gier am 4. Mai 2012 in Gerolstein

Meine sehr geehrten Damen und vielleicht auch ein paar Herren, ich merke, Sie sind katastrophengewöhnt.
Sonst hätten Sie mich als Mann nicht so tolerant auf dieser Bühne empfangen.

Ein „hirnschlürfender“ „Langeweiler ohne jeglichen Sex-Appeal“? Einer, der sich - anders als Judith in „Männer und andere Katastrophen“ - im Germanistikstudium ganz wohl gefühlt hat und der sich ziemlich partylos und unbeweibt, vor allem von Büchern erregt, dem Staatsexamen genähert hat.

Der auch nicht mit dem Exhibitionistenmäntelchen eines Kai-Uwe umherläuft, der nicht mal einen saublöden Vornamen hat.
Meine Damen - vielen Dank für Ihre Toleranz.

Das motiviert mich sehr an diesem Abend - ebenso wie die schöne Aussicht im Saal, gerade hier von der Bühne aus.
Denn unterhaltsame moderne Frauenliteratur im Festivalprogramm hat doch den Vorteil, dass man vor allem Leserinnen im Saal erwarten darf, teilweise jüngeren Alters, interessant, hübsch, männererfahren, flirtbereit, lachbereit, womöglich mit modischem Rot-Ton im Haar, im Stil von „Flamingo“ oder „Pavianhintern“.

Der Gang zu einer Lesung mit Kerstin Gier, der scheint da wie der Gang zu einem Rendezvous! Oder zu einer Party zum Ablachen, hoffentlich nicht zu sehr auf Kosten der Männer!

Die sind ja nicht alle fremdgehende Ehemänner oder bösartige Sorgerechtsschmarotzer...

Um dann doch einmal zu männlichen Ernst umzuschwenken und Vorzeigbares zu Kerstin Gier zu sagen:

Manchmal kann, was sich leicht liest, ganz schön ins Gewicht fallen.
Wenn man etwa den Ehrgeiz hat, möglichst viele Bücher von Kerstin Gier heute Abend mit ins Rondell zu bringen, um sie am späten Abend signieren zu lassen.
Da mag man schon mal verstohlen nach einem Lastenaufzug schauen.
Da fürchtet man schon im voraus um die Autorin und den Tennisarm, den sie sich da wohl unweigerlich zuziehen wird beim Signieren.

Denn fast vierzig Bücher sind es, die eine ungemein produktive Kerstin Gier von 1996 bis heute geschrieben hat - in gerade mal  16 Jahren. Mal unter Pseudonym - Judith Raabe, Jule Brand, mal unter ihrem richtigen Namen. Mal Einzelbände, mal Serientitel. Mal humorvolle Frauenromane und Beziehungskomödie, mal All-Age-Fantasy. Da muss jemand ungeheuer produktiv sein am Schreibtisch, ungeheuer selbstdiszipliniert, ungeheuer phantasievoll  ungeheuer witzig. Kreativität gleichsam auf Knopfdruck, querbeet durch viele Genres. Wie sonst könnte nonstop so witzig, spritzig erzählt werden, dass „lauthals loslachen“ oder „brüllend komisch“ schon zur Standard-Leserreaktion auf Gier-Bücher wird.
Fast 40 Bücher geschrieben - das sind fast mehr, „als manch einer in seinem ganzen Leben liest“, so ein Aufschrei im  „Kölner Stadtanzeiger“ zu Kerstin Giers immenser Schaffenskraft.

Und die Buchauflagen dann noch, selbst zehn Jahre nach Erscheinen eines Buches noch munter davontrabend: Das schafft man wohl nur, wenn Literatur ist, wie gute Männer sein sollen -  niemals langweilig, immer gute Laune schaffend, die reinste Medizin gegen die Sorgen des Alltags.

Nur so entfacht man wohl die nimmermüde Lesegier, die überstarke Gier nach Gier.

Wir wissen nicht, wie sich dieser Abend auf Ihre Gesundheit auswirken wird und kann. Wir warnen aber immerhin vorsorglich vor Lachkrämpfen, Zwerchfellmuskelkater und akustischen Überreaktionen: zum Schreien komisch, zum Losbrüllen kann sein, was sie heute Abend hier geboten bekommen.
Ich habe Sie gewarnt, mit der männlichen Stimme der Vernunft. Den jüngsten Gier-Roman fest im Auge: „Auf der anderen Seite ist das Gras viel grüner“. Wo eine verheiratete Frau gedanklich auf Abwege gerät. Die Moral womöglich unter die Räder. Bei einem Flirt mit einem fremden Mann. Wo schicksalhaft alle Laster und Untugenden freigesetzt zu werden drohen - wie bei der Büchse der Pandora oder der Kaffeebüchse der Madonna oder wie auch immer.

Wo, mit Zeitreise und Paralleluniversum, die erhellende Chance geboten wird, das Leben noch einmal zu leben.

Wobei es nicht so einfach war, diese Zeitreise zurück in eine Parallelwelt im Mai 2012 in unsere Eifelwelt zu bringen.
Denn manchmal lässt sich, was sich leicht liest, so leicht gar nicht in die Eifel bringen. Da gehören Ausdauer und Hartnäckigkeit dazu - und sehr, sehr nette Ansprechpartnerinnen im Verlag Bastei-Lübbe zu Köln, Sonja Lechner etwa. Denn die Möglichkeit eines „unmoralischen Sonderangebots“ schied ja aus beim Bemühen, Kerstin Gier in die Eifel zu locken.

Aber vielleicht hat uns ja gerade die Eifel selber geholfen, die Vulkaneifel, die nahe Kasselburg - wo Kerstin Gier, wie sie im Festivaljournal schreibt, das erste Mal einen Uhu gestreichelt hat. Und vielleicht, möchte man ergänzen, noch so manchen „Kauz“ getroffen hat, der seither ihre Romanwelt bevölkert.

Womit wir wieder beim ewigen Thema „Mann“ wären und immer zugleich beim Thema „Frau“, hier bei der „Autorin“.
Herzlich willkommen beim 10. Eifel-Literatur-Festival 2012, herzlich willkommen in der Stadthalle Rondell zu Gerolstein: das Fräuleinwunder aus der Nähe von Bergisch-Gladbach, nein nicht Heidi Klum - viel schöner: Kerstin Gier!