Von April bis Oktober 2016

Manfred Lütz am 3. Juni 2016 in Prüm

Einführungsrede von Dr. Josef Zierden

Das Streben nach Glück ist so alt wie die Menschheit. Bis heute hat es nichts von seiner Bedeutung verloren. Wer den Begriff „Glück“ googelt, kann mit 83.900.000 Ergebnissen glücklich oder unglücklich werden.

Der stößt da auf eine ARD-Themenwoche „Zum Glück“ mit fast 3000 Kommentaren, Erfahrungsberichten und Schilderungen großer und kleiner Glücksmomente und persönlicher Glücksdefinitionen. Der früheren Pornodarstellerin Michaela Schaffrath verdankt die ARD dabei die Erkenntnis: „Glück geht auch ohne Sex“.

Da hat im März 2016 die Uno ihren aktuellen Welt-Glücksreport vorgelegt. Dänen und Schweizer, Finnen, Kanadier, Niederländer, Neuseeländer, Australier und Schweden zählen zu den glücklichsten Menschen der Welt. Deutschland landete auf Platz 16. Gefordert wurde gleich, einen eigenen Ministerposten für die Frage des Glücks zu schaffen, wie es ihn in Regierungen von fünf Ländern bereits gebe: in Bhutan, Ecuador, Schottland, in den Vereinigten Arabischen Emiraten und Venezuela. Eine andere Studie - der London School of Economics - hatte im März 1999 ergeben, dass die glücklichsten Menschen der Welt in Bangladesh leben. Was zu bestätigen schien, was wir in Europa immer schon ahnten: Geld macht nicht glücklich. Deutschland landete nur auf Platz 42. Ein Zeit-Reporter allerdings, der damals grausame Elendsbilder aus Bangladesh beschrieb - Menschen in verdreckten Slums, auf Müllhalden, im Smog - dieser Zeit-Reporter brandmarkte in einem offenen Brief die Glücks-Studie eines Londoner Professor als zynischen PR-Gag, der dem Rest der wohlhabenden Welt Argumente liefere, ihr Gewissen zu beruhigen. Sein Fazit: Von dem Geld, das für diese Studie verbraten worden sei, hätten die Menschen in den Slums des so überglücklichen Bangladeschs wahrscheinlich ein Jahr lang leben können.

Im Buchhandel und bei amazon laden auch 2016 bunte Wandkalender und Tischkalender mit den schönsten Naturfotografien und Zitaten ein, Tag für Tag kleine Momente des Glücks zu entdecken. Glück für ein ganzes Jahr, im dekorativen Aussteller ist da schon für 5,99 Euro zu haben.

Das ist günstiger als ein Ticket für den heutigen Abend mit Manfred Lütz. Der verspricht immerhin das „ultimative Glücksbuch“, das fortan jede weitere Buchanschaffung und jede weitere Buchlektüre erspart.

Das ist schlecht für den Buchhandel, aber gut für die verbleibende Lebenszeit und für die weitere Glückssuche der Leserinnen und Leser.

Ein wenig paradox ist es ja schon:

Da schreibt jemand ein Glücksbuch, der nie ein Glücksbuch schreiben wollte.

Da schreibt jemand ein Anti-Ratgeberbuch, das doch wieder klare Ratschläge gibt - für den kritischen Umgang mit gängigen Glücksbüchern und überhaupt mit inflationären kurzfristigen Glücksversprechungen, die eher ins Unglück führen.

Da unternimmt jemand einen brillanten Gang durch die Philosophiegeschichte des Glücks, auf Du und Du mit den klügsten Menschen aller Zeiten - und gesteht: „Meine Tante Cläre war glücklich, ohne sich mit Philosophie zu befassen.“

Überhaupt die einfachen Leute, wie Tante Cläre, wie die Aldi-Verkäuferin von nebenan oder ein Friseur: Sie sind für den Buchautor das Maß der Dinge, wenn es um die Allgemeinverständlichkeit im sprachlichen Ausdruck geht und um die stete Erdung der geistigen Höhenflüge - von Platon über Augustinus bis John Locke, von Aristoteles und Diogenes bis Karl Jaspers.

Kurzweilig und anregend sind da auch immer wieder aktuelle Seitenhiebe gegen Dieter Bohlen und Boris Becker, gegen Uli Hoeness oder Karl-Theodor zu Guttenberg, nicht zuletzt auch gegen modische Hirnforscher als jüngste Glückspropheten.

Nicht mal die eigene Zunft verschont Manfred Lütz - bei der Frage, wie Psychotherapie unglücklich machen könne.

Immer spricht da der eloquente, witzig-spritzig und mitunter deftig formulierende Rheinländer (von der linken Rheinseite): wenn er die Glücksvorstellung von Thomas Hobbes - „das clevere Fortschreiten von einer Lust zu anderen“ - mit dem gleichstellt, was heutzutage wohl Dieter Bohlen für Glück halte. Oder wenn er John Lockes Glücksvorstellung pointiert zusammenfasst „Es ist die Rehabilitation des Puffs durch die Philosophie.“

So kurzweilig und anregend ist das Glücksbuch von Manfred Lütz und ganz sicher gleich sein Vortrag, dass ich jetzt einfach meine Einleitung und Umleitung abbreche - und weitergebe an Manfred Lütz und seine „kleine Anleitung zum großen Glück“.

Herzlich willkommen beim 12. Eifel-Literatur-Festival 2016,

herzlich willkommen in der Aula der ehemaligen Hauptschule zu Prüm, die vielleicht auch einmal eine kleine Schule des Glücks im Alltag gewesen ist -

herzlich willkommen der beherzte Kämpfer gegen die falsche Glücksindustrie und unglücklich machende Irrwege zum Glück - der Bestsellerautor, Psychiater, Theologe, Philosoph und immer auch Kabarettist - Dr. Manfred Lütz.