Einführungsrede zu Martin Suter

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
wir wissen es alle: „Für Bestseller gibt es keine Rezepte!“
Auch nicht für einen Bestseller, der Rezepte gleich im Anhang mitliefert, wie Martin Suters jüngster Erfolgsroman „Der Koch“. Unheimlich ist die Erfolgsserie des Martin Suter aber umso mehr.

Kaum ausgeliefert, stand sein jüngster Roman „Der Koch“ auf Platz eins der deutschen Bestsellerlisten. Er ließ Kritiker begeistert von „Lesegenuss“ und „Lesevergnügen“ sprechen. Man lobte die Präzision der Recherchen. Man fand sich verzaubert von der thematischen Mischung, von den vielfältig verflochtenen Erzählgängen eines literarischen Drei-Sterne-Menüs: die Geschichte vom tamilischen Asylbewerber und begnadeten Kochkünstler als Vorspeise, der Bürgerkrieg in Sri Lanka, Wirtschaftskrise und illegale Schweizer Waffengeschäfte als Hauptspeise.
Oder anders gesagt: Liebesmenüs als Geschäftsidee, aktuelle Probleme aus Politik und Wirtschaft, in der Schweiz oder weltweit: diese Mischung von Tagesaktualität, Erotik und Exotik macht Appetit auch auf das Lesen des Romans. Zumal der gründlich recherchiert und planvoll konzipiert ist, spannend aufgebaut, voller subtiler Beobachtungen, witzig und pointiert. Unverschnörkelt klar geschrieben, souverän erzählt, mit meisterlichen Dialogen, auf ein überraschendes Finale zusteuernd - niveauvolle, intelligente Unterhaltung in bester angelsächsischer Tradition.
Das Thema „Kochen“ lieferte der überwiegend begeisterten Literaturkritik die Metaphern frei Haus: „ein stimmiges, ziemlich schmackhaftes Menü“, lobte Focus. Von einem „leckeren Roman, bei dem einen der Bissen auch noch im Halse stecken bleibt“, sprach der Hessische Rundfunk: „Hier Schäumchen, Sößchen und Gelees - dort kracht die Finanzwelt zusammen, Waffenhändler heizen mit fiesen Deals den Bürgerkrieg auf Sri Lanka an“, heißt es weiter. Oder der NDR: „Die Zutaten für diese Geschichte sind mit Sorgfalt gewählt, gut abgemischt und heiß serviert“.
Nun überzeugt Martin Suter mit der Meisterschaft des Schreibens, des Erzählens nicht erst in diesem Jahr.
Bis 1991 arbeitete er als Werbetexter und Creative Director, seitdem lebt er als freier Autor und Kolumnist in Spanien und Guatemala und immer wieder auch in Zürich. Seit 1992 schrieb er wöchentliche Kolumnen, die rasch Kultcharakter bekamen. Witzig und pointiert erzählt er da Kurzgeschichten und Dramolette aus der Welt der Investmentbanker, der Business Class. Über Managergehälter und Boni, über Humor als Führungsinstrument oder über Work-Life-Balance, ultrakurz, geschliffen, pointiert.
Aus den Kolumnen wurden Bücher und aus denen schließlich Romane, sieben inzwischen - eine Marathonstrecke des literarischen Erfolgs, weitgehend im Zweijahres-Takt: vom Romandebüt „Small Word“ (1997) über „Die dunkle Seite des Mondes“ (2000), „Ein perfekter Freund“ (2002), „Der Teufel von Mailand“ (2006), „Der letzte Weynfeldt“ (2008) bis hin zu „Der Koch“, im Februar 2010 erschienen. Hochspannend, fesselnd und unterhaltsam wie Krimis oder Thriller, selbst wenn sie eigentlich keine Krimis oder Thriller sind. Mit raffinierten Plots, fast filmisch aufgebaut, ohne langatmige Beschreibungen, ohne überflüssige Details. Thematisch immer wieder beherrscht vom Verlust der Identität, von überraschenden Wandlungen und Metamorphosen wohlgeordneter Fassadenwelten - unter dem Einfluss von Alzheimer oder Drogen, in der Welt der Literatur oder des Kunstbetriebs und jetzt in der Welt der Kochkunst.
„Page turner“ allesamt, also Bücher, die man in einem Atemzug liest, ohne abzusetzen. Kein Wunder, dass Suter ein Riesenpublikum erreicht, auch international.
Und doch scheint es mir, dass Martin Suter in den letzten Wochen und Monaten besonders erfolgreich gewesen und besonders anerkannt worden ist. Nicht nur weil sein Roman „Lila lila“ erfolgreich verfilmt worden ist, mit Daniel Brühl und Hanna Herzsprung in den Hauptrollen. Nicht nur weil der jüngste Roman „Der Koch“ sofort die Spitze der Bestsellerliste eroberte. Sondern auch, weil die Literaturkritik der maßgeblichen Feuilletons ihm besonders noble Lorbeerkränze aufs literarische Haupt gedrückt hat.
Man sieht einen Erfolg kulminieren, der sich lange angebahnt habe. Die FAZ ruft ihn aus zum „neuen Star des überhitzten Literaturbetriebs“, als neuen Johannes Mario Simmel - der sein Schreiben von der Pike auf gelernt habe. Der dem deutschen Kulturbetrieb, der alle paar Wochen ein bunte Sau durchs Dorf treibe, den Weg zu besseren Tugenden weise: „solide Maßarbeit, Zurückhaltung statt Exhibitionismus, Moral gegen den postmodernen Zynismus“ - ich zitiere Jürg Altwegg von der FAZ.
Dem ausgerechnet im Zeitalter globalen Jugendwahns sein großer Durchbruch in Deutschland gelungen sei.
Der wie kein anderer die Welt der Wirtschaft und Finanzen kritisiert und karikiert habe und der nun gerade in der Krise der Wirtschaft und Finanzen als glaubwürdiger Schriftsteller erkannt und anerkannt werde und nicht mehr länger nur als „begabter, leicht frivoler Autor der Hochkonjunktur“, so einmal mehr Jürgen Jürg Altwegg in der FAZ.
Und der für manche die neue Stimme der Schweiz ist, das nationale Gewissen der Schweiz geradezu in einer Zeit, in der auch dieses Land in der Kritik und in der Krise steht. Der zum Höhenflug ansetze, während die Schweiz abstürzte im Sumpf von Affären und Skandalen. Suter hält wenig von der Wirtschaftselite seiner alten Heimat Schweiz. „Spezialisten der Geldvermehrung in Führungspositionen“ hat er sie genannt und ihnen jegliche soziale Kompetenz abgesprochen. In einer Volksabstimmung für ein Verbot von Waffenexporten sah er eine Chance, etwas gegen das beschädigte Image der Schweiz zu tun. Und der ja im Roman „Der Koch“ gerade denen seine erzählerische Sympathie schenkt, die in der Schweiz eher am Rande der Gesellschaft leben müssen, etwa dem Tamilen Maravan oder der Lesbe Andrea.
So sind wir gerade in diesen Tagen stolz, mit Martin Suter einen der meistgelesenen deutschsprachigen Gegenwartsautoren bei uns in der Eifel begrüßen zu können: Beim 9. Eifel-Literatur-Festival 2010, im Festsaal von Haus Beda zu Bitburg - herzlich willkommen Martin Suter!

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