Von April bis Oktober 2016

Einführungsrede Dr. Josef Zierden zu Martin Walser

Wittlich, 17. Oktober 2012

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

„Ihr Anempfinder“; „ihr heute Ausgelieferter“; „ihr ins Gestehen Verliebter“; „Dein von der Aussichtslosigkeit Geblendeter“; „Dein vor Gemeinsamkeit Vibrierender“: Wer Martin Walsers neuen Roman „Das dreizehnte Kapitel“ liest, ist hingerissen vom Benennungszauber zweier Liebender, die nur in Briefen oder E-Mails ihre Liebe ausleben können, nur in der Schrift, nur in „Wortbrücken (...) über einem Abgrund namens Wirklichkeit“. Moderner Minnesang, der um die Aussichtslosigkeit und Vergeblichkeit der Liebe zwischen einer glücklich verheirateten evangelischen Theologieprofessorin und einem glücklich verheirateten katholischen Schriftsteller weiß. Und der umso mehr das Glück der Unverborgenheit und „die Ermöglichung des Unmöglichen“ erprobt und feiert.

Dass hier einer der bedeutendsten Schriftsteller unserer Tage schreibt, bei dem längst schon jedes Buch zum Ereignis werde, das lassen uns die Literaturkritiker derzeit in allen Medien hinreichend deutlich wissen. Und auch, dass Walser, im März 2012 fünfundachtzig Jahre alt geworden, ungebrochen kreativ sei, ohne jede Spur von Ermüdung. Ja, die Taktzahl der Veröffentlichungen scheine sich eher noch zu erhöhen, mutmaßen Literaturkritiker. Der Roman „Muttersohn“ im Juli 2011, der Essay „Über Rechtfertigung“ im März 2012, zum Geburtstag gewissermaßen und jetzt der Briefroman „Das dreizehnte Kapitel“, Anfang September erschienen: Glaubenserforschungen, Liebesexperimente, Sprachzaubereien, gewichtige Werke allemal und keineswegs kraftlose, sprachlich vertrocknete Alterswerke, vor denen man den Autor in Schutz nehmen müsste. Und das mehr als ein halbes Jahrhundert nach Walsers erstem Roman „Ehen in Philippsburg“: veröffentlicht im Jahre 1957. Als auch Alfred Anderschs Roman „Sansibar oder der letzte Grund“ erschien oder Max Frischs Roman „Homo faber“. Auf den Roman „Die Blechtrommel“ von Günter Grass musste die Öffentlichkeit da noch zwei Jahre warten. Die Wirtschaftswunder-Gesellschaft der frühen Bundesrepublik. Nationalsozialismus, Holocaust und die deutsche Teilung. Die Opfer der Vergangenheit auch als Opfer der Gegenwart. Die deutsche Teilung als überwindbare historische Katastrophe. Das Rollenverhalten in einer Ehe. Die enge Welt einer Provinz, etwa am Bodensee. Versager-Helden aus dem Mittelstand oder dem Kleinbürgertum, die Karriere machen wollen und scheitern. Die an sich und der Welt, an gesellschaftlichen oder beruflichen Zwängen und Abhängigkeiten leiden. Liebesprobleme alternder Menschen.

Mehr als ein halbes Jahrhundert literarischer Gesellschaftsdiagnosen und Psychogramme, Debatten und Literaturskandale, eine ganz eigene Landkarte der Literatur, bevölkert von Figuren wie den Horns und den Dorns, den Halms und den Zürns, den Kristleins und den Finks. Wer wollte sie missen. Ebenso wenig wie den jüngsten Roman Walsers, „Das dreizehnte Kapitel“, den die „Süddeutsche Zeitung“ überschwänglich gefeiert hat als „eines der schönsten und wahrsten und schmerzlichsten Kapitel“ der Literatur über die Liebe.

Zum fünften Male schon seit 2001, so häufig wie niemanden sonst, können wir Martin Walser in der Eifel begrüßen. Beim Eifel-Literatur-Festival, dem er den schönen Satz geschenkt hat: „Die Eifel ist das Paradies, in das ich vertrieben werden möchte“. Ein Satz, für dessen Wohlklang und Wirkungsmöglichkeit allenfalls unsere Eifeltouristiker taub und unempfänglich sind.

Herzlich willkommen in dieser Eifel,
herzlich willkommen beim 10. Eifel-Literatur-Festival 2012,
herzlich willkommen im Atrium des Cusanus-Gymnasiums Wittlich: der „Literaturgigant“ Martin Walser.