Von April bis Oktober 2016

Max Moor am 8. Juli 2016 in Wittlich

Einführungsrede von Dr. Josef Zierden

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

„verlassene Landschaften“, „verbitterte Bewohner“, „verbreitete Fremdenfeindlichkeit“: Alle Klischees hätten Max Moor und seine Frau Sonja vor vielen Jahren warnen können, das Schweizer Postkartenidyll im Zürcher Oberland für einen Bauernhof in Brandenburg aufzugeben.

Für einen Landstrich, vor dem sie jeder gewarnt hat. Wegen der hohen Arbeitslosigkeit, wegen der Landflucht, die nur Loser, Alte, Gescheiterte und Kaputte zurücklassen.

Das Dörfchen „Amerika“ in Brandenburg: Im ersten Buch von Max Moor „Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht“ entpuppt es sich als eine überschaubare Welt mit großen Schwierigkeiten und Problemen, aber auch mit großen Chancen. Und voller knorriger Dorftypen, mit denen sich Hunderte Buchseiten und zig Bühnenauftritte mit lustigen literarischen Kabinettstückchen leicht füllen lassen. Wir wissen es von Moors Festivalauftritten 2012 in Gerolstein und 2014 in Prüm.

Denken wir an Bauer Müsebeck und sein unschweizerisches Zeitverständnis. Denken wir an Frau Widdel vom Konsum und ihre Abneigung gegen Frischmilch. Denken wir an den eingefleischten Junggesellen Teddy und sein programmhaftes T-Shirt „No woman, no cry“. Oder an den Pferdegott Krüpki.

Einführungsrede zu Max Moor

Es liegen Welten zwischen Brandenburg und der Schweiz, mehr als nur die gefahrenen 800, 900 Umzugskilometer.

Und jetzt, nachdem er im Brandenburgischen heimisch geworden ist, kehrt Moor zurück in die Schweiz. Taucht er ein in autobiographisch inspirierte, fiktive Kindheitswelten.

In denen dem kleinen Schweizer Jungen, aufgewachsen im Dorf Mellikon im Kanton Aargau, die Schweiz unermesslich groß erscheint. Voll unzähliger Schönheiten, die in einem ganzen Menschenleben nicht zu durchmessen sind.

Nicht mal auf serpentinenreichen Ausflugsfahrten durch Schweizer Bergwelten: im perlweißen „Fauweh“ des Vaters, wo der kleine Max - eingezwängt in der Mitte der Rückbank - die vorüberhuschenden Schönheiten kaum wahrnehmen kann.

Ebenso wenig auf Wanderungen etwa zum Scheitelpunkt des Gotthard: Wo die triefnasse Regenpelerinenkapuze mit ihrem höllischen Regenlärm jeden Genuss von Naturschönheiten trübt. Da werden Familienausflüge, Familienwanderungen zu Irrfahrten zuweilen trotz Schweizer Generalstabskarte und Militär-taschenlampe.

Da wird für den kleinen Max das Zivilverteidigungsbuch zur Lieblingslektüre in einem Land, das sich - da neutral - in Zeiten des Kalten Krieges ganz alleine schützen und verteidigen muss.

Da interessiert sich schon der kleine Max bei einem Messebesuch fieberhaft für Atombunker mit Schießscharten gegen Schwaben und den Ostblock - für preiswerte Einfamilienbunker oder gar Einmannbunker, die er phantasievoll ausstattet mit Gesellschaftsspielen und leckeren Raviolis. Hauptsache schulfrei und Tage ohne Ende bei Brettspielen und mit Schlemmereien wie „Militärschoggi und Panzer-Chääsli“.

Die Zeiten des Kalten Krieges in den 1960er Jahren leuchten da auf, eine Welt am Rande des 3. Weltkriegs und der atomaren Selbstvernichtung - phantasievoll heraufbeschworen und naiv gesehen mit glühenden Kinderaugen. Heile Kinderwelt und optimistischer Zukunftsglaube, in der schon ein kleines Mäuerchen allen Atomblitzgefahren zu wehren scheint.

Von Max Moor erzählerisch überzeichnet voll komödiantischer Lust - als literarische Steilvorlagen für eigene kraftvolle Bühnenauftritte. Bis hin zur ersten Landung des Menschen auf dem Mond im Juli 1969, die der Vater unbedingt live am Bildschirm erleben möchte - mit lächerlichem Ende.

Im immer präsenten Schweizerdeutsch mit seinen markanten Eigenheiten, das schon das Buchlektorat in die Verzweiflung getrieben hat.

Den phantasievollen und unfreiwillig komischen Erzählungen und Illusionen des Schweizer Buben folgt die fortschreitende Desillusionierung auf den Fuß, wenn sich die vermeintlich riesengroße Schweiz auf einem Globus des Großvaters völlig verliert oder wenn am Ende der Erinnerungsreise sogar der Kinderglaube an Osterhase und Christkind zusammenbricht.

Moors erzählerische Zeitreise in Schweizer Kindheitswelten: Sie spießt Schweizer Mentalitäten und Klischees seit den 1960er Jahren liebevoll und humorvoll auf,

Nach der „arschlochfreien Zone“ Brandenburgs nun also ein literarischer Ausflug in die „neutrale Zone“ der Schweiz, zurück zu den Wurzeln. Immer wieder mit einem Max-iMum an Humor, wie es der neue Vorname „Max“ sprachspielerisch nahelegt. Maximal!

Herzlich willkommen beim 12. Eifel-Literatur-Festival,

herzlich willkommen im Atrium des Cusanus-Gymnasiums Wittlich: der Schauspieler, Moderator, Bestsellerautor, Wahlbrandenburger und - laut NDR-Talkshow „der bekannteste Schweizer im deutschen Fernsehen im Moment“: Max Moor.