Von April bis Oktober 2016

Über das Älterwerden und den Niedergang der DDR

Einführungsrede Dr. Zierden zu Monika Maron am 8. Mai 2012 in Bitburg

„Ach, Glück“.

Es ist ein Glück, dass Monika Maron in ihrem letzten Roman „Ach Glück“ so ausgiebig über das Älter-Werden und das Alt-Sein geschrieben hat.

Das erlaubt, uns etwas unbefangener den zeitlichen Dimensionen ihres Lebens und Werks zu nähern.
Ihr Leben, vor gut 70 Jahren begonnen, im Juni 1941 in Westberlin: Es reicht hinein bis in die Zeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs. Eine Zeit, in der der Großvater Pawel, polnischer Jude, in einem Vernichtungslager umgebracht wurde.

Sie sei „das Kind von Kommunisten“, ein „antifaschistiches Kind“, aufgewachsen in einer Welt von Ideologien, schreibt sie im Essayband „Zwei Brüder“, 2010 erschienen.

Mit dem Umzug in den Ostteil Berlins im Jahre 1951, im Alter von 10 Jahren, sei sie sicher gewesen, fortan auf „der Seite der Wahrheit und der historischen Sieger“ zu leben. Sie wuchs auf als Stieftochter von Karl Maron. Der war ab 1954 Mitglied des ZK der SED und von 1955 bis 1963 Innenminister der DDR.

Als auf die Verbrechen der Nationalsozialisten die Verbrechen der Stalinisten folgten; als sich die DDR immer mehr als zweite Diktatur auf deutschem Boden entpuppte; als Truppen des Warschauer Paktes 1968 in Prag einmarschierten, als Wolf Biermann 1976 aus der DDR ausgebürgert wurde: da vollzog sich bei Monika Maron immer stärker ein Prozess der Desillusionierung.

Sie trat aus der SED aus, der sie erst seit 1976 angehört hatte.
1988 übersiedelte sie mit einem Dreijahresvisum von Ostberlin nach Hamburg. Das Visum war noch nicht ausgeschöpft, da gab es das Land schon nicht mehr, das sie verlassen hatte: die DDR.

Keines ihrer Werke, die sie in der DDR geschrieben hat, konnte je in der DDR veröffentlicht werden. Gerade weil die Lebensumstände in der DDR ihr den Stoff für ihre literarischen Text lieferte.
„Flugasche“, ihr erster Roman, 1981 erschienen: er erzählt von der Journalistin Josefa Nadler, die ihren Glauben an die sozialistischen Ideale verliert, die an die Reformierbarkeit des sozialistischen Systems immer weniger glauben kann.
Um die Auseinandersetzung mit dem sozialistischen System, etwa mit einem Altstalinisten und seinen Verbrechen geht es auch in dem Roman „Stille Zeile sechs“, 1991 erschienen. Und um den Einfluss der Diktatur bis in die psychische und physische Verfasstheit geht es in dem Roman „Animal triste“, 1996 veröffentlicht.

Zu diesem zeitkritischen, politischen Strang ihres Werks passt der Essayband, aus dem Monika Maron heute Abend lesen wird: „Zwei Brüder. Gedanken zur Einheit 1989 bis 2009“. Mit kritischen Kommentaren zur Wiedervereinigung und ihren Folgen. Über das Versagen von Intellektuellen wie Günter Grass und Stefan Heym, die sich mit dem Untergang der DDR nicht abfinden konnten.

Mit dem Roman „Ach Glück“ wird heute Abend ein weiterer Themenstrang von Marons literarischem Werk aufleuchten: Identitätssuchen, Frauenträume, Liebesbeziehungen, biographische Umbruchzeiten.
Da geht es, in Fortsetzung des Romans „Endmoränen“ (2002), um eine Mittfünfzigerin namens Johanna und ihren Mann Achim, einen Kleistforscher. Beide sind seit fast 30 Jahren verheiratet. Johanna ist deprimiert vom Altern, ist der Meinung: „Frauen über fünfzig landen auf dem erotischen Müllhaufen“.
Sie versucht noch einmal Veränderung, Aufbruch, Neuanfang. Während Ehemann Achim die neu gewonnene Freiheit nur zaghaft erprobt und wieder an den altvertrauten Schreibtisch zurückflüchtet und allenfalls darüber grübelt, warum seine Frau weggegangen sei.

„Zwei Brüder“, „Ach Glück“ - ein Essayband und ein Roman: damit ist heute Abend eine der großen Schriftstellerinnen der deutschen Gegenwartsliteratur zu Gast beim Eifel-Literatur-Festival.
Ach, was ist das für ein Glück.

Herzlich willkommen beim 10. Eifel-Literatur-Festival 2012,
herzlich willkommen im Festsaal von Haus Beda zu Bitburg: Monika Maron.