Einführungsrede zu Herta Müller am 22. August in Naunheim

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

vor kaum drei Wochen, Ende Juli, sorgte eine Studie für Bestürzung: eine repräsentative Schülerbefragung von SED-Forschern der Freien Universität Berlin in vier ost- und westdeutschen Bundesländern.
Im Jahre 19 nach dem Fall der Mauer, so konnten wir erfahren, haben viele deutsche Schüler ein verklärtes Bild der DDR. Jeder zweite Jugendliche im Osten und jeder Dritte im Westen sagt: „Die DDR war keine Diktatur“. Bestürzend viele Jugendliche in Deutschland Ost und Deutschland West sehen die zweite deutsche Diktatur nicht als heruntergewirtschafteten Spitzelstaat, sondern als eine Art Sozialparadies mit florierender Wirtschaft und sauberer Umwelt.
Nur in Bayern haben Schüler einen halbwegs profunden Kenntnisstand über die jüngere deutsche Geschichte. Hauptschüler dort sind über den Diktaturcharakter und die entwürdigenden Lebensumstände im untergegangenen Mauerstaat besser informiert als Gymnasiasten in Brandenburg.
So weit sind wir dann also schon in Deutschland: dass viele Schüler den fundamentalen Unterschied zwischen dem Leben in einer Diktatur und dem Leben in Freiheit nicht zweifelsfrei benennen können. Dass in Vergessenheit gerät, dass die SED-Diktatur - wie alle Ostblock-Diktaturen - kein Kuschelstaat war, sondern ein Unrechtsstaat, der seine Bevölkerung systematisch überwachte, der Dissidenten verfolgte und tötete, der keinerlei freie Meinungsäußerung zuließ und der das Recht auf Freizügigkeit mit Mauer und Stacheldraht, mit Schießbefehl und Selbstschussanlagen blutig liquidierte .
Meine sehr geehrten Damen und Herren, wer in den vergangenen 25 Jahren auch nur ein Buch von Herta Müller gelesen hat, Erzählsammlungen wie „Niederungen“ (1982) oder „Barfüßiger Februar“ (1987), Romane wie „Der Fuchs war damals schon der Jäger“ (1992) oder „Herztier“ (1994), ihre Essays oder ihre lyrischen Collagen- der war dagegen gewappnet, auch nur annähernd Demokratie und Diktatur zu verwechseln und Diktaturen zu verklären.
Wenn Herta Müller gegen etwas anschreibt - aus leidvoller Erfahrung der rumänischen Diktatur Ceausescus, die sie in der deutschsprachigen Minderheit der banatschwäbischen Provinz schreckensvoll erlebt hat, wenn Herta Müller gegen etwas anschreibt, dann ist es beispielhaft der brutale Terror im Gefängnisstaat des kommunistischen Diktators Ceausescu.
Nehmen wir als Beispiel den Roman „Herztier“:
Edgar, Georg, Kurt und die Ich-Erzählerin sind - teils aus Dörfern, teils aus Kleinstädten - zum Studium in die Stadt (wohl Temeswar) gezogen. Angst und Misstrauen angesichs eines allgegenwärtigen, allwissenden und allmächtigen Diktators und seiner Schergen schweißen die jungen Studenten zusammen. In einem Sommerhäuschen verstecken und lesen sie kritische deutschsprachige Literatur aus dem Westen. Sie schreiben oppositionelle Gedichte, schmuggeln Listen mit Fluchttoten aus dem Land und dokumentieren fotografisch die alltäglichen Spuren und Opfer des brutalen Terrorregimes. Zunehmend werden sie selbst Opfer von Überwachung und Verfolgung. Sie werden verhört und gefoltert, sie verlieren ihren Arbeitsplatz. Und schließlich werden sie in den als Selbstmord getarnten Tod getrieben oder zur Ausreise in den Westen, wo Morddrohungen der Securitate immer noch ein Klima der Einschüchterung und des Verrats schaffen. „Herztier“ ist ein eindringliches Buch der Angst, der gefährdeten Freundschaften, des Widerstands und des Überlebenswillens in Zeiten totalitärer Diktatur.
Die Hoffnung auf einen tiefgreifenden Wandel nach dem Sturz des Diktators Ceausescus im Dezember 1989, hat sie in ihrem Roman “Der Fuchs war damals schon der Jäger“ literarisch zu Grabe getragen. Das Ende der alten Diktatur, so deutet der Roman illusionslos an, markiert nur den Beginn einer neuen. Im Grunde bleibt alles, wie es war: „die Panzer stehen noch überall in der Stadt, und die Brotschlange vor dem Laden ist lang. Ein Mantel schlüpft in den andern“. Und: der Fuchs ist immer noch der Jäger.
Leben, Sprechen und Schreiben in der Diktatur, als gewaltsamer Tod eine tägliche Grunderfahrung und existenzielle Angst ein tägliches Grundgefühl war:
das ist Herta Müllers Lebensthema geblieben, noch mehr als zwei Jahrzehnte nach ihrem Weggang aus Rumänien im Jahre 1987.
Die zahlreichen Preisverleihungen seit der Jahrtausendwende würdigen gerade diese thematische Beharrlichkeit Herta Müllers, ihr beständiges Anschreiben gegen das Vergessen in Zeiten, in denen man allzu gerne Ruhe gebe nach Diktaturen - so Michael Naumann in seiner Laudatio zum Berliner Literaturpreis 2005. Darin einig mit der Literaturpreis-Jury. Die würdigte Herta Müllers „Anteil an der literarischen Grundsteinlegung für ein neues Europa, das nicht ohne das Bewusstsein der Leiden an den Diktaturen und ihren Demütigungen entstehen kann“.
Herzlich willkommen beim Eifel-Literatur-Festival 2008, herzlich willkommen in der Vordereifel, auch „Mosel-Eifel“ genannt - in jedem Fall auf dem Maifeld, im Bürgerhaus zu Naunheim: Herta Müller.

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