Einführungsrede zu Rafik Schami

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
Märchen aus 1001 Nacht: Wer hätte nicht schon einmal von diesem Klassiker der Weltliteratur gehört? Wer hätte nicht schon einmal die eine oder andere Geschichte aus dieser orientalischen Sammlung zumindestens im Fernsehen gesehen? „Sindbad der Seefahrer“, „Aladin und die Wunderlampe“, „Ali Baba und die vierzig Räuber“ - diese Erzählungen stehen für orientalischen Märchenzauber, für die bunt schillernde Märchenwelt des frühen Orients, voll exotischer und erotischer Pracht, voll geheimnisvollen Zaubers, voll spektakulärer Abenteuer.
Wirklich bekannt wurden die „Märchen aus 1001 Nacht“ erst durch die Ausgabe des französischen Orientalisten Jean-Antoine Galland um 1700. Der hatte sich das Manuskript - die bis heute älteste bekannte Handschrift - aus Syrien besorgt.

Aus Syrien im Nahen Osten stammt der Gast des heutigen Abends - aus Damaskus, mit seiner 8000 Jahre alten Geschichte eine ältesten Städte der Welt.
„Damaskus“, schreibt Schami in seinem Roman „Die dunkle Seite der Liebe“, „Damaskus ist keine Stadt, kein Fleck auf einem Atlas, sondern ein Märchen, das sich in Häuser und Gassen, Geschichten, Gerüche und Gerüchte kleidet“.

Alles andere als märchenhaft ist es, dass Rafik Schami 1970, 24 jährig, seine Heimat Syrien verlassen musste und dass er sein Land nie wieder betreten konnte - als Gegner von Krieg und Diktatur, von Folter, Zensur und politischer Willkür.
Seit 1971 lebt er im Exil in Deutschland, wo er unermüdlich als Brückenbauer zwischen Orient und Okzident wirkt und wo er inzwischen zu den erfolgreichsten und beliebtesten deutschsprachigen Autoren zählt. Wo er sich seinen Traum verwirklichen konnte, in Freiheit zu schreiben.

Seit Flucht und Exil vor 40 Jahren hat er, wie ein Buchtitel sagt, „Damaskus im Herzen und Deutschland im Blick“. Seitdem lebt ihm diese uralte orientalische Stadt nur noch in der Erinnerung fort, nur noch im erzählerischen Heraufbeschwören der Menschen und ihrer Geschichten, ihrer Farben, ihrer Gerüche, Geräusche und Gerüchte, ihrer Straßen und Plätze.
Und in seinem Namen: ist doch „Rafik Schami“ ein Pseudonym, das so viel bedeutet wie „Damaszener Freund“ oder „der aus Damaskus kommt“.
In Damaskus angesiedelt ist auch der als „Meisterwerk“, als „opus magnum“ gefeierte Roman „Die dunkle Seite der Liebe“, 2004 erschienen - eine arabische Variante von Romeo und Julia inmitten verfeindeter Sippen. Ein monumentales Erzählmosaik über alle Spielarten verbotener Liebe in Arabien, über Liebe unter erschwerten Bedingungen, inmitten von Feindschaft und Hass, von Blutrache und Stammesfehden - von der Kritik enthusiastisch gefeiert.

Ein Lebensprojekt Schamis, an dem er mehr als 30 Jahre gearbeitet hat und mit dem er einmal mehr erzählerisch nach Damaskus zurückgekehrt ist, für ihn „die schönste Stadt der Welt“. Ein ganzes Jahrhundert syrischer Geschichte durchschreitend - realistisch und kritisch und märchenhaft-wunderbar zugleich. Der Roman schließt mit der Figur des alten und weisen Meisters der Kalligrafie, bei dem Schami drei Sommer lang in Damaskus gelernt hat und der ihn traumhaft inspiriert hat, die Geschichte mosaiksteinartig anzulegen und jeden Stein eine eigene Geschichte erzählen zu lassen - und aus der „geheimen Farbe der Worte“ das ganze Erzählbild erstehen zu lassen.

Ein Kalligraph steht im Mittelpunkt des jüngsten Romans von Rafik Schami. Ein Kalligraph, der schon als junger Mann als Wunderkind gefeiert wird. Der an einer radikalen Reform der arabischen Sprache arbeitet. Und dessen schöne Frau aus der Ehe flüchtet in die Arme eines leidenschaftlichen jungen Liebhabers. Eine leidenschaftliche Liebe beginnt zwischen einer Muslimin und einem Christen.
Erzählt in einer opulent-verschlungenen Weise, die an die Techniken der Kalligrafie erinnert und die in alten orientalischen Erzähltraditionen wurzelt.
Wie ja Schami als der deutsch-syrische Autor gilt, der orientalische Märchenformen mit aktuellen, realistischen Inhalten kombiniert hat.
Und der das mündliche Erzählen in Deutschland in unzähligen Lesungen mit großem Erfolg neu belebt hat.
Immer wieder orientiert am Erzählmuster der Märchen aus 1001 Nacht, die er als Kind fast drei Jahre lang täglich im Radio anhören durfte und von denen wir eingangs sprachen.

Das wird auch den heutigen einzigartigen Erzählabend im Prüm prägen: Der Wunsch, spannend zu erzählen und die Zuhörer zu fesseln - phantasievoll, witzig, variantenreich, mit Freude am ausschmückenden Detail, in orientalischer Erzähltradition, ganz frei, ohne Manuskript.
So freuen wir uns auf einen ungewöhnlichen Erzählabend, mit dem Rafik Schami einmal mehr in seine orientalische Welt zurückkehren kann, nicht zuletzt in die märchenhafte Altstadt von Damaskus.
Herzlich willkommen in Prüm, beim 9. Eifel-Literatur-Festival 2010: Rafik Schami!

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