Von April bis Oktober 2016

Einführungsrede Dr. Josef Zierden zu Richard David Precht

Bitburg, 4. Oktober 2012

Morgenzug durch das Moseltal. Von Luxemburg nach Köln, über Wasserbillig, Trier, Wittlich, Cochem und Koblenz.
Über Grenzen. Durch kleine und große Welten, durch beschauliche und hektische. Über Nebenstrecken und Hauptstrecken.
Hier, in der Deutschen Bahn, so eröffnet uns Richard David Precht gleich in der Einleitung seines Philosophie-Bestsellers „Die Kunst, kein Egoist zu sein“, hier, in der Deutschen Bahn, habe er ganz wesentlich an seinem Buch geschrieben - im Speisewagen und an turbulenten Vierertischen, inmitten von „Einkaufsnomaden, Arbeitsmigranten und Kegelklubs“.
Philosophie, die im Alltag wurzelt, ganz nah bei den Menschen.

Hier also sind die Weichen gestellt worden für eine neuerliche große philosophische Reise, dieses Mal in das Universum unserer Moral. Von den philosophischen Stars der Antike wie Platon und Aristoteles bis zu den Wissenschaftskoryphäen der Gegenwart weltweit, bis hin zu brennenden Fragen unserer Gegenwart, in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik. Eine Gegenwart, die zuweilen, gerade in Zeiten der Finanzkrise, allzu sehr geprägt ist von Egoismus und Eigennutz, von Profitgier und Unmoral.

Eine ausgedehnte, weitverzweigte Reise ist es, die Precht unternimmt, im Spannungsfeld von Gut und Böse, von Moral und Unmoral, von Egoismus und Kooperation. Jederzeit klar und verständlich und anregend geschrieben, so dass niemand auf dieser philosophischen Reise „Bahnhof“ verstehen oder den Anschluss verlieren muss. Und um im Bild der Zugreise zu bleiben: Dichtgedrängt und buntgemischt wie in einem Zugabteil, versammelt Precht zwischen zwei Buchdeckeln, was an Wissenschaftsdisziplinen und Fakultäten weltweit künstlich und hochspezialisiert getrennt ist: Philosophie und Biologie, Anthropologie und Ethnologie, Soziolinguistik und Primatenforschung etwa. All diese Forschungsfelder versammelt er und führt er zusammen, wie beim Zusammenfluss von Mosel und Rhein an seiner Bahnstation in Koblenz. In vollen Zügen schöpft er aus der Geistesgeschichte von mehr als 2000 Jahren. Und im anschaulichen Erzählfluss, der kraftvoll und eindrucksvoll dahinströmt wie Mosel und Rhein entlang seiner Bahnstrecke - im anschaulichen Erzählfluss führt er uns hin noch zu den abstraktesten Themenkomplexen: anschaulich und konkret, fesselnd und erhellend. Ein frostkalter Tag mit dem dreijährigen Sohn im Kölner Zoo; eine Begegnung im Gedränge der Leipziger Buchmesse; die Skulpturen auf der Osterinsel im  Südpazifik; ein Passagierdampfer im Mittelmeer mit Liegestühlen an Deck; flammende Reden im Londoner Hyde-Park; der ehedem verwahrloste Rathenau-Park in Köln mit Gestrüpp und Ratten, mit Obdachlosen und Fixern; ein deutscher Schrebergarten mit seinen strengen Normen: schier jeder Ort, schier jede Alltagssituation kann besonders am Anfang der rund 40 Buchkapitel zum erzählerischen Sprungbrett werden. Zum erzählerischen Sprungbrett für den begnadeten Erzähler, Philosophen und Vermittler Precht, um Erkenntnisse und Ideen in anschaulichen Gewändern aus dem Kleiderschrank der Sinnlichkeit zu präsentieren.

Zug um Zug, Station für Station, Kapitel für Kapitel stellt er die Weichen im Erkenntnisprozess, führt er den Leser durch die Spannungsfelder „Gut und Böse“ und „Wollen und Tun“ hin zum Buchfinale „Moral und Gesellschaft“. Und jederzeit hat der Leser das Gefühl, im Erzählwagen und im Reflexionswagen der ersten Klasse zu sitzen. Verwöhnt mit kulinarisch anmutenden geistigen Genüssen. Im Speisewagen der Philosophie, alles schmackhaft und anregend zubereitet und höchst verdaulich.

Blutiger Ernst wird die Metapher der Zugfahrt im Kapitel „Ganz normale Mörder. Auf dem Rangierbahnhof der Moral“. Da geht es um mörderische Nazimoral. Da geht es um das Reserve-Polizeibataillon 101 und ein ungeheuerliches Judenmassaker in einem polnischen Dorf und die Frage, wie es passieren konnte, dass an einem Julitag des Jahres 1942 ganz normale Männer so ein fürchterliches Verbrechen begehen konnten wie den Judenmord von Jozefow? Eine Mordaktion, die sich über den ganzen Tag hinzog. Wo Schädel zersprangen, wo Gehirnmassen umherflogen. Begangen von Leuten, die die Chance angeboten bekommen hatten, sich dem Massaker zu entziehen. Kaum einer hat diese Chancen genutzt. Lieber ein Mörder als ein Kameradenschwein, folgert Precht am Ende einer eindringlichen Erzählung. Gruppenpsychologischer Druck, gewichtiger als moralische Werte.

Meine sehr geehrte Damen und Herren, eine philosophische Reise von der Antike bis zur Gegenwart, eine Reise in das Universum der Moral, niedergeschrieben zum Teil auf der morgendlichen Zugfahrt von Luxemburg nach Köln - da ist es ein schöner Zug von Richard David Precht, dass er heute Halt macht, Station macht in der Eifel.

Dass er Halt macht, dass er Station macht, um uns alle mitzunehmen auf eine neuerliche philosophische Reise, die ergründen soll, warum wir gerne gut sein wollen und was uns davon abhält. Nicht nur zwischen zwei Buchdeckeln, nicht nur in einer philosophischen Fernseh-Talkshow um Mitternacht, sondern live vor Ort in der Eifel: Freie Bahn für einen sicherlich brillanten freien Vortrag und ein herzliches Willkommen beim 10. Eifel-Literatur-Festival 2012 - freie Bahn und ein herzliches Willkommen für einen Philosophen, Autor, Kolumnisten und Philosophie-Talkmaster von großer Zugkraft: für Richard David Precht und die Kunst, kein Egoist zu sein.