Einführungsrede zu Sarah Kuttner

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Im November letzten Jahres stand die Sportwelt unter Schock:
Robert Enke, 32 Jahre alt, Torwart von Hannover 96 und der deutschen Nationalmannschaft, hatte sich vor einen Regionalzug geworfen. Selbstmord. Hunderte von Metern war er dem Todeszug entgegengegangen. Der Grund für diese tragische Entscheidung: Er litt sein Jahren unter Depressionen. Die nicht öffentlich zu machen, war sein ausdrücklicher Wunsch gewesen. In einer Welt sportlicher Superhelden, in einer Welt perfekten öffentlichen Rollenspiels schien kein Platz für menschliche Schwächen. Eine psychische Erkrankung öffentlich zu thematisieren, war da tabu.
Ein halbes Jahr vorher war ein Buch erschienen, das von den Schrecken der Depression erzählt - sogar unterhaltsam, kurzweilig, mitunter witzig: Sarah Kuttners Romandebüt „Mängelexemplar“.
Erschienen mit einer Startauflage von 100.00 Exemplaren, ganz rasch auf die Gipfel der Bestsellerlisten emporgeklommen. Der erfolgreichste Roman einer deutschsprachigen Autorin im Jahr 2009.
Erfolgreich nicht nur durch die Medienbekanntheit der Autorin: Sarah Kuttner ist durch ihre legendären Sendungen wie „Sarah Kuttner - Die Show“ bei VIVA oder „Kuttner“ bei MTV bekannt geworden. Ebenso durch ihre Kolumnen für die Süddeutsche Zeitung und den Musikexpress.
Erfolgreich nicht nur, weil man nach ihrem Aus bei MTV eine Verarbeitung eigener traumatischer Erlebnisse vermutete und auch mit voyeuristischem Interesse ihr Buch aufschlug.

Sondern erfolgreich vor allem, weil es thematisch als „das richtige Buch zur richtigen Zeit“ empfunden wurde, so der „Stern“ - mit den Themen „Depression“ und „weibliche Selbstfindung“ - und weil der Roman auch schriftstellerisch überwiegend überzeugte.
Es ist ein Buch aus einer Welt, die Sarah Kuttner überaus vertraut ist: aus der Welt der Lilalaune-Medienbranche, der Glamour-Welt des Fernsehens. Organisiert doch die Hauptfigur und Ich-Erzählerin, Karo Hermann, als Event-Managerin coole Parties etwa für einen Kindersender. Und befreundet ist sie mit Nelson, einem Shoppingkanal-Moderator.
Da wird leicht das eigene Leben zur Showfassade. In dem man stark zu sein hat, alles unter Kontrolle, immer gut drauf. Immer schnell, immer flexibel. Wie ein solches Leben in die Krise gerät nach dem Verlust von Job und Freund, wie es geschüttelt wird und durcheinandergerät durch immer neue Panikattacken und depressive Tiefs, durch Schwermut und Traurigkeit, durch Angst vor Alleinsein, durch Liebeskummer und Trennungsschmerz: das spielt Sarah Kuttner in ihrem Bestseller-Roman „Mängelexemplar“ durch. Dem Absturz im Beruf, dem Absturz im Privatleben folgt der Absturz im Kopf. Der Roman zeigt aber
auch, wie man Schritt für Schritt, durch Therapien, angstlösende Beruhigungsmittel und verständnisvolle Wegbegleiter im Alltag, wieder aus der Krise herausfinden kann, die „Kopfverstopfung“ lösen kann.
So wird der Roman „Mängelexemplar“ zu einem Buch, das Verständnis weckt für Depressive, das die Volkskrankheit „Depression“ enttabuisiert. Das deutlich macht: Depressionen können jeden und jede treffen, gerade in einer Gesellschaft, in einer Zeit, die sich dem Diktat der Coolness unterwirft.
Und, mit den Worten Karos/ Kuttners: „Die Psyche ist so viel komplizierter als eine schöne glatte Fraktur des Schädels. Eine kranke Seele ist nicht so gut erforscht wie ein Herzinfarkt, eine Fettleber oder ein Raucherbein. Es gibt zu viele Ansätze, Meinungen und Therapien. Der Heilungsweg ist oft langwierig. Man kann nicht einfach amputieren oder gesünder essen.“

Auch wenn es um das Thema „Depressionen“ geht: ein Jammerbuch will „Mängelexemplar“ nicht sein.
Das verhindert schon der anregende Erzählstil und Sprachstil Sarah Kuttners. Mit Leichtigkeit und Humor wird da erzählt, in einer erfrischend direkten Sprache, die derbe Ausdrucksformen des Alltags ebenso wenig meidet wie den Modejargon der Medienbranche. Wenn Karo zum ersten Mal zum Psychotherapeuten geht, gleicht das einem Casting, zu dem man am besten im passenden Themenoutfit geht, um schließlich mit einer überzeugenden Performance ein Ticket für den Recall zu ergattern. Und wenn die Panikattacke beginnt, ein Gewitter den Körper durchschüttelt, wenn das Herz rast und eine Herde wilder Tiere auf Karo zuzurennen scheint, dann kann ein im Jargon einer Musikshow notieren: „Das böse Tier hat sein Go, es ist Stage Time, die Vorband ist endlich weg, der Main Act darf zeigen, was er kann.“
Da mischt sich immer wieder auch E-Mail-Gestammel mit Computerslang und studentischem Emotionsgeschwätz und liebevoll-ironischen Verballhornungen von Redewendungen und omahaften Sprüchen: Da machen viele Köche den Brei erst richtig gut, da schaut man einem geschenkten Gaul nicht aufs Geschenkpapier.
Aber hören Sie selbst, sehen Sie selbst heute Abend bei der ersten Lesung des Eifel-Literatur-Festivals 2010 in der Nordeifel, im gastfreundlichen Monschau, in der Aula des St. Michael-Gymnasiums: herzlich willkommen Sarah Kuttner, unser Meister-Exemplar! ---

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