Einführungsrede Ingo Schulze am 05. Oktober 2008

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
vorgestern, am 3. Oktober 2008, ist die deutsche Einheit „18“ geworden.
Mithin den Kinderschuhen entwachsen?
Reif geworden? Mündig?
Jedenfalls liegen fast zwei Jahrzehnte zurück:
- die Geburtsstunde unserer deutsch-deutschen
Gegenwart,
- die friedliche Revolution in der DDR,
- Mauerfall und Wiedervereinigung,
- der Rausch der Einheit und die Ernüchterung,
in Deutschland-Ost wie Deutschland-West.

Die deutsche Einheit - Traum und Wirklichkeit:
Wer könnte sich da literarisch kompetenter und literarisch besser äußern als Ingo Schulze?

Wie kein zweiter Autor gilt er als Schriftsteller der Zeitenwende von 1989, der Zeitenwende in Ostdeutschland wie in Osteuropa.

Der Autor des preisgekrönten Erzähldebüts „33 Augenblicke des Glücks“, 1995 erschienen, angesiedelt im fernen Osten, in Sankt Petersburg, zu Anfang der 90er Jahre - als die Sowjetunion zerfiel und der Kapitalismus Einzug hielt.

Der Autor des „Romans der ostdeutschen Provinz“, „Simple Storys“: der ihn bei seinem Erscheinen 1998 schlagartig berühmt berühmt machte, enthusiastisch gefeiert als der langersehnte Roman der deutschen Einheit. Angesiedelt im thüringischen Kleinstädtchen Altenburg, beginnend im Februar 1990, im letzten Jahr der DDR.

Vollends mit dem opulenten Roman „Neue Leben“, einmal mehr umjubelt als das „bisher beste Buch zur deutschen Wiedervereinigung“ - vollends mit dem opulenten Roman „Neue Leben“ avancierte das osttthüringische Altenburg zur Hauptstadt der deutschen Gegenwartsliteratur und zum Seismographen deutsch-deutscher Befindlichkeiten vor, während und nach der Wende.

Und sein Autor Ingo Schulze zu einem der bedeutendsten europäischen Schriftsteller seiner Generation.

Der, fast schon in monothematischer Besessenheit, von Menschen in epochalen, ostkommunistischen Umbruchzeiten erzählt, von Verunsicherung, Orientierungslosigkeit und Angst,
von Mut und Hoffnung und immer wieder von Desillusionierung in Zeiten unerhörter Veränderungen, des Untergangs wie des Neubeginns, zwischen alten Leben und neuen Leben - mit D-Mark-Kapitalismus, Stasi-Enthüllungen und verlockenden Warenwelten.

Der vom alltäglichen Trotzdem der kleinen Leute erzählt, von ihrem Anpassungs- und Überlebenskampf, von ihren existenziellen Bedrohungen und Beschädigungen, von ihren alten und neuen Träumen.

Von einem literarischen „Kaleidoskop ostdeutschen Alltags“ spricht die Literaturkritik, von einem „Mosaik postkommunistischer Befindlichkeiten“, von einem „Puzzle vielfältiger und vielschichtiger Momentaufnahmen der neuen deutsch-deutschen Wirklichkeit“.

Und spielt mit diesen Metaphern an auf die virtuose Vielstimmigkeit und die Multiperspektivität
des Schulzeschen Erzählens, was dem Autor wiederholt die als Auszeichnung gemeinten Attribute „Erzählchamäleon“, „Bauchredner“, „Stimmenimitator“ oder „Verwandlungskünstler“ eingebracht hat.

Von russischen Erzähltraditionen eines Puschkin und Gogol, eines Tschechow und Bulgakow ebenso inspiriert wie vom lakonischen, gänzlich unpathetischen Stil der amerikanischen Short Story eines Ernest Hemingway oder Sherwood Anderson.

Vielgerühmt für den klaren Blick, die klare Sprache, die kunstvolle Lakonik des Stils und die inhaltliche Pointierung, für die Kunst der mehr andeutenden Evokation, ohne jede „Nachwendeweinerlichkeit“ oder verklärende Ostalgie.

Sein jüngster Roman „Adam und Evelyn“, derzeit in der Finalrunde zum Deutschen Buchpreis 2008, erzählt von einer Liebe in den letzten Tagen der DDR, im Spätsommer 1989. Als die Ungarn mit der Öffnung der Grenze zu Österreich erstmals DDR-Bürgern die historische Chance eröffneten, sich zu entscheiden zwischen West und Ost. Als das westliche Paradies der unbeschränkten Konsummöglichkeiten ebenso lockte wie die große Freiheit der weiten Welt.

Herzlich willkommen im Westen unserer Republik,
herzlich willkommen in der Eifel, in Bitburg, in Haus Beda, zwei Tage nach dem Tag der deutschen Einheit 2008: der literarische Brückenbauer zwischen Deutschland-Ost und Deutschland-West - Ingo Schulze.

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