Von April bis Oktober 2016

Einführungsrede Dr. Zierden zu Thilo Sarrazin, 10. Mai, Prüm

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

„Sarrazin, halt‘s Maul!“ Auf koreanisch, japanisch, russisch, englisch, deutsch, türkisch und französisch forderte dies ein Flugblatt, das sich gegen die Lesung mit Sarrazin gestern Abend, 9. Mai 2012, in der Alten Oper in Erfurt richtete.

„Sarrazin, halt‘s Maul!“ Schon bei der Vorstellung des Buches „Deutschland schafft sich ab“ in der Bundespressekonferenz in Berlin am 30. August 2010, vor fast zwei Jahren, stand das auf Plakaten einer Handvoll Demonstranten zu lesen.
Damals wie heute begleitet von politischen Kampfvokabeln wie „rassistisch“, „sozialdarwinistisch“, „chauvinistisch“, „nazistisch“, „antisemitisch“ oder „rechtspopulistisch“ - und mindestens noch mit dem Vorwurf an Thilo Sarrazin,  mitschuldig zu sein an einem Klima von Ausgrenzung und Diskriminierung. Mitschuldig zu sein an neonazistischen Übergriffen. Mitschuldig zu sein an den Morden des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), womöglich noch an den Untaten des norwegischen Attentäters Anders Behring Breivik.

Geradezu ungeheuerliche Entgleisungen, Diffamierungen und Diskriminierungen, die sich längst schon bis in die Eifel verirrt haben -  zu lesen bei antifaschistischen und linken Kräften in der Eifel. Die versuchen seit Monaten, seit dem besinnlichen Weihnachtsmonat Dezember 2011, mit einem immensen Aufwand an Bedrohung, Einschüchterung und Kriminalisierung Autor wie Veranstalter mundtot zu machen.

Die versuchten und versuchen radikal, dem Festival die finanziellen Grundlagen zu zerstören. Und erst recht, wenigstens die renommiertesten Festivalautoren zu einem Boykott des Festivals zu bewegen.

Die Meister der freien Feder, des freien, differenzierten Diskurses, die vielfach aufbegehren gegen politische, wirtschaftliche oder ökonomische Diktate, die sich ihr Leiden unter Diktaturen von der Seele schreiben - ausgerechnet die sollten die Meinungsfreiheit bei einem Literaturfestival liquidieren, am besten sogar das ganze Festival, das 2010 noch rund 15.000 Menschen begeistert hat.

Was für eine Perversion bei einem Festival, das vor 18 Jahren aufgebrochen ist, gerade das liberale Völkchen der Schriftsteller in unsere eher konservative Eifelregion zu bringen. Das vor 18 Jahren aufgebrochen ist, der dichterischen Freiheit eine Gasse zu bahnen, den kritischen Geistern eine Bühne zu bieten.

Und dieses liberale Völkchen bevölkert auch in diesen Tagen des Festivaljahres 2012  die Festivalbühne und äußert sich durchaus kritisch auch zum Islam mit klarer Unterscheidung zwischen friedlichen muslimischen Gemeinden und fundamentalistischen Islamisten. Der Satz „Der Islam gehört zu Deutschland“, der fast schon als größtes Verdienst von Bundespräsident Wulff gilt: die streitbare Autorin Monika Maron hat ihn am Dienstagabend in Bitburg brillant analysiert und heftig kritisiert: „Das Fragwürdige des Satzes“, sagte sie und schrieb sie in einem aktuellen Beitrag für die Tageszeitung „Die Welt“, „das Fragwürdige des Satzes liegt in seiner gleichzeitigen Eindeutigkeit und Unschärfe. Er duldet keinen Widerspruch. Der Islam gehört zu Deutschland. Punkt Schluß. Er erlaubt nicht einmal eine Nachfrage. Auch die Scharia, die dem Islam Inhalt und Gestalt gibt? Und welche Glaubensrichtung, schiitisch, sunnitisch, alevitisch, ismailitisch, ahmadiyyadisch, salafitisch auch? Gehören auch die innerislamischen Glaubenskämpfe zu Deutschland? Auch die Benachteiligung der Frauen? Ehe dieser Satz so felsenfest und unkommentiert in den Boden des deutschen Grundgesetzes gerammt wird, sollte wenigstens für alle deutschen Staatsbürger hinreichend erklärt werden, welche Konsequenzen er nach sich zieht und welche Kollisionen mit anderen Selbstverständlichkeiten, die seit der Aufklärung zu Deutschland gehören, unausweichlich wären.“

Und weiter führte Maron aus am Dienstag in Bitburg: „Es ist leichtfertig, dem Islam seine Zugehörigkeit zu Deutschland zu bescheinigen, ohne gleichzeitig klar zu benennen, wie er sich reformieren muß, um kein Fremdkörper in einem säkularen und demokratischen, die Freiheitsrechte des Individuums achtenden Staat zu bleiben.“

Und Heiner Geißler beim Eifel-Literatur-Festival in Wittlich, Ende April: auch der geißelte überdeutlich einen islamischen Absolutismus, der frauenfeindlich sei und gegen das freie Denken mobil mache. Dem ganz entscheidend die Aufklärung fehle mit seiner Forderung nach Emanzipation des Individuums.

Marons Islamkritik, Geißlers Islamkritik - mit einer pauschalen Diffamierung muslimischer Migranten hat das nichts zu tun.
Und auch nicht Sätze wie diese, die der frühere Hamburger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi (SPD) so gerne zitiert: „Wer da ist und einen legalen Aufenthaltsstatus hat, ist willkommen. Aber wir erwarten von euch, dass ihr die Sprache lernt, dass ihr euren Lebensunterhalt mit Arbeit verdient, dass ihr Bildungsehrgeiz für eure Kinder habt, dass ihr euch an die Sitten und Gebräuche Deutschlands anpasst und dass ihr mit der Zeit Deutsch werdet - wenn nicht ihr, dann spätestens eure Kinder. Wenn ihr muslimischen Glaubens seid, o.k. Damit habt ihr dieselben Rechte und Pflichten, wie heidnische, evangelische oder katholische Deutsche. Aber wir wollen keine nationalen Minderheiten. Wer Türke oder Araber bleiben will und dies auch für seine Kinder möchte, der ist in seinem Herkunftsland besser aufgehoben. Und wer vor allem an den Segnungen des deutschen Sozialstaats interessiert ist, der ist bei uns schon gar nicht willkommen.“

Klaus von Dohnanyi zitiert diesen Passus aus Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ oft und gerne - und mit Erfolg, wenn man das gescheiterte Parteiausschlussverfahren betrachtet, in dem Dohnanyi Sarrazin beigesprungen ist. Das Fazit von Dohnanyis: „Nur in Deutschland macht man sich unmöglich, wenn man das Offensichtliche benennt.“

Ich könnte hier einen gewaltigen Reigen prominenter Namen aus Politik, Wirtschaft und Kultur aufmarschieren lassen, die allesamt Sarrazin inhaltlich zugestimmt  und allenfalls den scharfen bis provokanten Ton kritisiert haben: Helmut Schmidt und Hans Olaf Henkel, Professor Hans Ulrich Wehler und Ralph Giordano, Henryk M. Broder und Matthias Matussek oder Necla Kelek - die deutsch-türkische Journalistin, von Alice Schwarzer im November 2010 ausgezeichnet für ihren Mut, mit dem sie für die Befreiung moslemischer Frauen eingetreten sei, gegen Zwangsehen und sog. „Ehrenmorde“.

Meine Damen und Herren, um es kurz zu machen:
Sie wissen Sarrazins Buch ist eines der meistverkauften Sachbücher der Bundesrepublik, mit 19 Auflagen und einer Gesamthöhe von 1,3 Mio. Stück alleine im Erscheinungsjahr 2010;

Sarrazins Buch hat die Debatte des Jahrzehnts losgetreten, mit politischen korrekten Empörungswellen, aber auch mit enormen Zustimmungsgraden in der Bevölkerung. Und über die Debatte zu Integrationsprobleme hinaus ist es längst schon zu einer Debatte über Meinungsfreiheit in Deutschland gekommen.

Diesem hohen Gut der Meinungsfreiheit fühlt sich das Eifel-Literatur-Festival zuallererst verpflichtet, „als Grundlage jeder Freiheit überhaupt“, wie es das Bundesverfassungsgericht einmal formuliert hat.

Wir halten es mit der renommierten SWR-Literaturkritikerin und Buchautorin Thea Dorn, die auf dem Höhepunkt der Sarrazin-Debatte im Oktober 2010 geschrieben hat:

„Solange es renommierte Publikumsverlage gibt, die ein Buch wie das von Sarrazin drucken, solange es Veranstalter gibt, die den Autor einladen, nachdem andere Veranstalter ihn wegen „Sicherheitsbedenken“ wieder ausgeladen haben, solange es also eine wache und offene Zivilgesellschaft gibt, muss man der Meinungsfreiheit in Deutschland noch keine Kerze anzünden.“

Meine Damen und Herren,
Bundespräsident Wulff ist Vergangenheit, mit Joachim Gauck ist der Präsident der Freiheit ins Schloss Bellevue eingezogen. Das ermutigt uns erst recht, nicht grob beleidigend und antidemokratisch-feindseligen Geistes zu sagen: „Sarrazin, halt‘s Maul!“

Sondern: Sehr geehrter Herr Sarrazin,  äußern Sie auch in unserer Eifel frei ihre Ansichten. Diskutieren Sie mit uns.
Es kann nicht sein, dass wir uns von einer militanten Allianz radikaler Intoleranz einschüchtern lassen.
Es kann nicht sein, dass es in unserem durch und durch demokratischen Land Redefreiheit nur im Rahmen dessen geben soll, was man selber hören möchte. Und dass wir die Freiheit des Andersdenkenden zu Grabe tragen müssen.

Herzlich willkommen beim Eifel-Literatur-Festival 2012,
herzlich willkommen in der Aula der Ex-Wandalbert-Hauptschule zu Prüm - Thilo Sarrazin!