Urs Widmer am 13.06.2008 in Neuerburg

Einführung von Dr. Josef Zierden, Eifel Literatur Festival

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Urs Widmer über eine winterliche Zugreise vor 40 Jahren: „Ich war stunden-, um nicht zu sagen tagelang mit einem Zug gefahren, der an jedem Hühnerstall hielt und voller Menschen aus vergangenen Jahrhunderten war, alten Männern mit Felleisen und Frauen mit Eierkörben. Tiere überall. Natürlich hatte der Zug eine gehörige Verspätung, wie das alle Züge im Spätmittelalter hatten, und also tigerte Fredi Kolleritsch in endgültiger Panik am Bahnsteig hin und her, denn ich sollte um acht Uhr im Forum Stadtpark aus meinen Werken vorlesen. Es war die zweite Lesung meines Lebens, und mein Gesamtwerk war eine Broschüre mit dem Titel ‘Alois’.“
40 Jahre sind es her, man schrieb das legendäre Protestjahr 1968, dass Urs Widmer zu seiner gerade mal zweiten Lesung anreiste - in winterlichem Flockenwirbel, der wie ein surrealistisches Kaleidoskop die Zeiten und Räume durcheinanderwirbelte, die Stunden, die Tage, die Jahrhunderte, die Hühnerställe und die Bahnsteige.
Epochenjahr 1968 - ein Schriftsteller im Aufbruch: nicht nur nach Graz, sondern zu einer großartigen schriftstellerischen Laufbahn. Mochte es damals noch gerade das erwähnte Prosadebüt „Alois“ sein, eine knapp achtzig Seiten lange Erzählung, erster literarischer Ausweis von Fantasie und Reflexionsvermögen, von Originalität und Witz, von den prägenden Antipoden seines Werks: „von Sehnsucht und Realität“. Geschrieben in einer Zeit, in der er 17 Jahre lang seinen Wohnsitz im Frankfurt am Main hatte und seinen Arbeitsplatz beim legendären Suhrkamp-Verlag, jenem Verlag, der - wie es Widmer einmal ausdrückte - „die Gebrauchsanweisungen für die 68-er-Revolte herausgegeben hat.
In den 40 Jahren seither hat er ein riesiges Werkgebirge getürmt - ein beeindruckend produktiver Autor. Wer zählt die Erzählungen, Geschichten und Romane, die Hörspiele, Theaterstücke und Essays. Wer die Literaturpreise - vom „Hörspielpreis der Kriegsblinden“ (1976) bis zum Stadtschreiber-Literaturpreis von ZDF, 3sat und der Stadt Mainz im Jahre 2003 und dem Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg 2007.
Als Urs Widmer am 21. Mai 2008, vor gerade mal drei Wochen, 70 Jahre alt wurde, da zögerte niemand in deutschen Feuilleton,
- ihn als einen der bekanntesten und renommiertesten Autoren der deutschsprachigen Gegenwart,
- als derzeit erfolgreichsten und prominentesten Autor der Schweiz,
- in einem Atemzug mit Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt zu nennen,
- als stilprägend Ironie und Satire, Surrealismus wie Realismus zu rühmen,
-das Zugleich von Tiefsinn und Humor, von Phantasie und Realität dieses „weltsüchtigen Fabulierers“
- seine formale Verspieltheit und das immense Spektrum der künstlerischen Formen,
- von der „Fülle der Welt“ zu sprechen, die er in seinem Werk versammle und schildere, von scheiternden Spitzenmanagern über seltsame Zwerge und entrückte Künstler bis hin zu scheinbar einfachen Leuten aus der urbanen und ländlichen Provinz,
- das „Abweichen von der Norm“ als oberstes Ziel des Dichters zu proklamieren,
- ihn als Grenzgänger zu charakterisieren, der gegen den Mainstream schwimme, wie er selber wortspielerisch in einer Poetikvorlesung in Frankfurt am Main bekannte,
- ein Sprachzauberer, der immer wieder die Grenze zwischen Realität und Fantasie aufhebe.
In den vergangenen Jahren war er besonders erfolgreich mit der autobiografisch angelehnten Romantriptychon „Der Geliebte der Mutter“, „Das Buch des Vaters“ und „Ein Leben als Zwerg“: literarische Spiegel der Zwischenkriegs-, Kriegs- und Nachkriegszeit des 20. Jahrhundert in einer Familiengeschichte. Ein Autor „auf der Höhe seiner Kunst“, wie die Welt anlässlich des 70. Geburtstages geschrieben hat. Spätestens jetzt wurde er auch dem großen Publikum eine vertraute Größe.
Mit Aufbruch und Reisen haben wir unsere Einführung begonnen - im Bewusstsein, dass selbst das Schreiben für Widmer wie Reisen ist, (Zitat) „das begangen werden muss, einem Pfad entlang, der weit vorn im Undeutlichen verschwindet“, so Widmer in der zweiten Grazer Poetikvorlesung des Jahres 1995.
Schreiben als literarische Forschungsreise, als Entdeckungsfahrt.
Selbst die Helden in den Büchern reisen ja reichlich oft, wie Widmer beobachtet hat - abenteuerliche, skurrile, fantastische Reisen, einer Utopie entgegen, der Hoffnung, der Sehnsucht nach einem anderen Leben. Fabeln vom Unterwegssein, moderne Odysseen aus der Feder des Odysseus von Zürich, wie der „Tagesspiegel“ zum 70. von Urs Widmer schrieb.
Eine Odyssee ist seine Reise von Zürich in die Eifel nicht geworden, Räume und Zeiten sind nicht surrealistisch durcheinandergewirbelt worden, der Zug hielt nicht an jedem Hühnerstall, immerhin im größten Dorf der Eifel: in Trier.
Herzlich willkommen beim 8. Eifel-Literatur-Festival 2008, im Eifel-Gymnasium Neuerburg - herzlich willkommen Urs Widmer.
 

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