Martin Walser - Einführung von Dr. Josef Zierden

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

wenn Martin Walser in die Eifel kommt, dann hat er die Liebe im literarischen Handgepäck.
Dann geht es - 2001 in Prüm - um den „Lebenslauf der Liebe“,
oder - 2004 in Bitburg - um den „Augenblick der Liebe“
oder - 2008, wiederum in Prüm - um einen „Liebenden Mann“.
Um die Liebe geht es da - und immer auch um die Liebe im Alter, um den Altersunterschied meist zwischen einem älteren Mann und einer sehr, sehr jungen Frau.

Wie ein Höhenweg, hat Walser kürzlich gesagt und sich damit zum Bergführer in seinem eigenen Romangebirge gemacht, wie ein Höhenweg führten alle diese Romane zum „Hauptmodell eines solchen Altersunterschieds“, und das seien Goethe und Ulrike.
Also der 73 jährige „Dichterfürst“ und Geheime Rat, Ihre Exzellenz Johann Wolfgang von Goethe und das 19 jährige Fräulein Ulrike von Levetzow, von Goethe in „temporärer Verjüngung“, wie er solche Phasen nannte, umworben. Die letzte große Leidenschaft eines großen alten Dichters im Sommer 1823 im böhmischen Kurort Marienbad, seine letzte, vielleicht sogar unmögliche Liebe zu einer 54 Jahre jüngeren Schülerin.
Selbst ihr Großvater, 1765 geboren, ist ein jüngerer Jahrgang als der berühmte Kurgast gewesen.
Die Mutter hat Goethe schon 1806 kennengelernt, in Karlsbad - da war ihr Töchterchen Ulrike gerade mal zweieinhalb Jahre alt. Als Goethe der Familie von Levetzow nun 1823 begegnet, da ist es nicht mehr die Mutter, die Goethe gefällt, sondern die älteste Tochter.

Goethes letzter Sommer in Marienbad:
Es ist Ulrike, die sein Dasein beherrscht, die seine Altersphantasien und sogar Heiratsabsichten beflügelt, die ihn schwärmerisch bewegt, die Jugend zurückzuerobern und das Alter zu wehren, wie Carl Otto Conrady in seiner großen Goethe-Biographie schreibt. Dass es mehr war als eine Ferienromanze, sprach sich rasch bis nach Weimar herum, zum stark beunruhigten Sohn August und seiner Schwiegertochter Ottilie.
Ein böhmischer Sommer der Leidenschaften, umstellt von neidvoller Bewunderung über den Mut und die jugendliche Kraft des Dichters, umstellt aber auch von schadenfroher Häme und Genugtuung über die Zurückweisung des berühmten Mannes in die Reihe der Sterblichen, wie Sigrid Damm ihrem jüngsten Buch „Goethes letzte Reise“ schrieb.
Denn am Ende steht das unausgesprochene „Nein!“, stehen Trennung und Abschied, steht das bittere Eingeständnis Goethes: er ist allein der Liebende.
Die Augen der Geliebten, so schreibt Sigrid Damm, reduzieren ihn, den Olympier, den in ganz Europa bewunderten Dichter, auf das biologische Faktum seines Alters. Der Höhenrausch der Liebe stürzt ab im Abgrund des Alters.
Was Goethe hilft, ist einmal mehr die Abstand schaffende Kraft des Schreibens. In der berühmtgewordenen „Marienbader Elegie“, jenem „Requiem seiner Marienbader Leidenschaft“, jenem „Requiem seiner letzten Liebeshoffnung“, wie Conrady schrieb, in dieser „Marienbader Elegie“ schafft sich Goethe den lyrischen Raum, seine Schmerzen zu bewältigen.
Überführt er Leben in Kunst.
Eine literarische Gipfelleistung, den Abgründen seines Seelendramas abgerungen. 23 Strophen, 138 gestanzte Verse lang eine einzige literarische Trauerarbeit, die dem vergangenen Glück und dem gegenwärtigen Elend nachspürt, eine einzige Klage über die Vertreibung aus dem Paradies der gewesenen und nun verlorenen Gemeinsamkeit mit der Geliebten.
Fast 200 Jahre später ist Goethes Liebe zu Ulrike einmal mehr zu einem literarischen Ereignis geworden: in Martin Walsers großem Roman „Ein liebender Mann“.
Da schreibt ein ewiger Verliebter der deutschen Literatur über einen anderen ewigen Verliebten der deutschen Literatur, da schreibt ein begnadeter Poet über einen anderen und spielt erzählerisch durch -
sprachmächtig, sprachvirtuos, gefühlvoll und zart - die Möglichkeit des Unmöglichen, die Sprengkraft absoluter Liebe in einer von Konventionen und Etiketten zugeschnürten Welt.
Zeiten lässt Walser verschmelzen und Menschen, Augenblicke höchster Erfüllung und die qualvolle Erfahrung ungeheuerlichen Verlusts, die keine „Entsagungsshow“ - wie er es nennt- übertünchen kann.
Der liebende Goethe und der leidende: wie in einem Triptychon der Leidenschaften entfalten die drei Kapitel des Romans an drei verschiedenen Hauptschauplätzen die Wirrnisse der Liebe
- im Spannungsfeld von Paradies und Hölle, von Zweisamkeit und Einsamkeit, von ekstatischem Wir-Gefühl und tragischer Selbst- und Weltverlorenheit.

„Ein großes Buch“, vielleicht sogar „das beste“, „das schönste seines Lebens“ - darin ist sich die Mehrzahl der Kritiker längst einig, von „Spiegel“ bis „Vanity fair“, von der FAZ bis „Bild“. Die empfahl ihren Lesern gleich nach der Bibel die Lektüre der „ersten großen Love-Story des Jahres 2008“. Selbst Elke Heidenreich, mit der wir das Eifel-Literatur-Festival 2006 hier an dieser Stelle eröffnet haben, selbst Elke Heidenreich, die Walser und Grass noch unlängst zornig in den Topf „ekelhafter Altmännerliteratur“ geworfen hatte - sie ist begeistert von Walsers Roman: „ein Meisterwerk“, rühmte sie, und: „Dieses Buch kommt der Liebe so nah, dass man weinen möchte“.

Was Goethe 1828 gegenüber Eckermann über „geniale Naturen“ formulierte, das scheint uns auch auf Walser zuzutreffen: „Sie erleben eine wiederholte Pubertät, während andere Leute nur einmal jung sind... Daher kommt es denn, daß wir bei vorzüglich begabten Menschen auch während ihres Alters immer noch frische Epochen besonderer Produktivität wahrnehmen; es scheint bei ihnen immer einmal wieder eine temporäre Verjüngung einzutreten.“
In dem knappen Jahrzehnt, das Goethe nach Marienbad blieb, erwies sich diese Formulierung als treffende Selbsteinschätzung. Kaum ein literarisches Alterswerk weist ein derart ungebrochen hohes Niveau auf wie das Goethes. So auch der Roman „Ein liebender Mann“: Er nährt die schönsten Erwartungen an Walsers Alterswerk, an die Schöpferkraft des ewig Jungen vom Bodensee.

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