Von April bis Oktober 2016

„Leben oder gelebt werden“

Der „Sohn vom Kohl“ und sein langer Weg zur Versöhnung

Einführungsrede Dr. Josef Zierden zu Walter Kohl am 26. April 2012 in Daun

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Terrassenidylle in Oggersheim. Ferienidylle am Wolfgangsee. Besinnliche Feiertagsruhe unter dem Weihnachtsbaum, ein Familienvater, versunken im Spiel mit seinen Kindern.

Wer das Buch von Walter Kohl „Leben oder gelebt werden“ liest, der weiß um die inszenierte Fassadenhaftigkeit solcher Bilder aus dem Leben des Machtpolitikers Helmut Kohl.
Der weiß, dass sich da jemand als gütiger Hausvater in Szene setzt, der für nichts so wenig Zeit hatte wie für seine beiden Söhne. Der als Familienvater kaum präsent war, kaum greifbar für die Söhne -  allenfalls ein Gast im eigenen Haus, auf hastiger Durchreise in das häusliche Büro, wo er allzu rasch wieder hinter Akten, Papieren und dem Telefonhörer verschwand. Mit Haut und Haaren Politiker, mindestens sechs Tage in der Woche, mindestens 16 Stunden am Tag.
So nah und doch so fern - dieser  Dr. Helmut Kohl, Ministerpräsident des Landes Rheinland-Pfalz von 1969 bis 1976 und danach, von 1982 bis 1998, der sechste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, der legendäre Kanzler der deutschen Einheit, der Ehrenbürger Europas.

Eine Politikerkarriere so glanzvoll, dass man kaum ermessen kann, wie sehr sie übermächtige Schatten auf das Leben der Söhne gelegt hat.

„Der Sohn vom Kohl“, neidvoll, gehässig oder verächtlich ausgesprochen - dieses stigmatisierende Etikett hat den ältesten Sohn von Helmut Kohl sein Leben lang begleitet, gequält, ihn isoliert und ausgegrenzt, vom ersten Schultag an.

Dabei wollte er doch nichts sehnlicher sein als „Walter Kohl“, sein wahres Ich lebend, im inneren Frieden mit sich selber und mit der Umwelt.

Der lange und harte Weg aus dem Schatten eines übermächtigen Politikers, der lange Weg zum unverstellten Ich, über Krisen und Erschütterungen hinweg, ein einziger Hindernisparcour zuweilen - Walter Kohl zeichnet ihn akribisch nach. Konzentriert auf persönliche Schlüsselerlebnisse, auf Wendepunkte und Tiefpunkte bis hin zu Selbstmordgedanken nach dem Suizid seiner Mutter im Juli 2001.
Das Buch „Leben oder gelebt werden“ erzählt so eine bewegende Leidensgeschichte, eine Befreiungsgeschichte, endlich raus aus dem scheinbar ewigen Opferland, hin zur Versöhnung mit sich selbst - parallel erzählt und analysiert zur Karriere seines Vaters, zur Familiengeschichte seiner Eltern.
So blicken wir nicht nur hinter die Fassade der Familienvilla in Oggersheim, die sich im Terrorherbst 1977 in eine Festung verwandelt. Wir schauen hinter die Fassaden einer beispiellosen Politikerkarriere, vom zielstrebigen Aufstieg in Rheinland-Pfalz bis zur rauschhaft-feierlichen Wiedereröffnung des Brandenburger Tors als dem Symbol des wiedervereinten Deutschlands.
Auch wenn Journalisten es gerne so gesehen hätten: Dieses Buch ist keine Anklage, keine Abrechnung, kein Vatermord. Und es ist keine Einladung zum kompromittierenden Voyeurismus. Aber es ist ein starkes, mutmachendes Dokument einer schwierigen Ichfindung, eines langen Wegs zu einem selbstbestimmten Leben.

Wobei das Schreiben selber seine therapeutische Wirkung entfalten kann, wie immer auch prägende Lektüren - so vor allem das Buch des Auschwitz-Überlebenden Viktor Frankl „...trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager“, zuerst 1946 erschienen. Frankls zentrale Erfahrung im Konzentrationslager war, dass man noch unter den inhumansten Bedingungen einen Sinn im Leben sehen könne. Und dass vor allem Versöhnung ein sinnvoller Ausweg aus den Katastrophen des Zweiten Weltkriegs und des Holocausts sein könne.

Herzlich willkommen beim 10. Eifel-Literatur-Festival 2012,
herzlich willkommen im Forum Daun - beide, „Walter Kohl“
u n d  „der Sohn vom Kohl“.