Einführungsrede zu Heiner Geißler in Bitburg

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

wird Heiner Geißler nach Bitburg kommen? Hat der nicht viel zu viele Termine um die Ohren, gerade jetzt mit „Stuttgart 21“?
So fragten in letzter Zeit viele Festivalbesucher nach einem christdemokratischen Politiker, der im März 80 Jahre alt geworden ist.
Der längst schon im Ruhestand sein könnte.
Der seit 1965 Abgeordneter war, im Landtag von Rheinland-Pfalz sowie im Bundestag, für den Wahlkreis Südpfalz.
Der von 1967 bis 1977 Landesminister war in Rheinland-Pfalz für Soziales, auch für Gesundheit und Sport, in den Kabinetten Altmeier, Kohl und Vogel.
Der sich seit 1985 hervorgetan hat als Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit in der von Bundeskanzler Helmut Kohl geführten Bundesregierung.
Der von 1977 bis 1989 die CDU als Generalsekretär in drei Bundestagswahlen managte, die Neue Soziale Frage benannte und die CDU in eine moderne Volkspartei verwandelte.
Der 2002 aus dem Bundestag ausgeschieden ist - zusammen mit vielen anderen aus der Nachkriegsgeneration, die mehr als ein Vierteljahrhundert die Politik unseres Landes geprägt haben, darunter Helmut Kohl, Norbert Blüm oder Theo Waigel.
13 Jahre lang Minister, 12 Jahre Generalsekretär, 25 Jahre Mitglied des Deutschen Bundestags: so einer könnte sich in den Ruhestand verabschieden und allenfalls noch an
seinen Memoiren feilen.
Aber was macht Heiner Geißler?
Der arbeitet unermüdlich weiter als Publizist, gefragter Redner und Autor zahlreicher Bücher, etwas des Bestsellers „Was würde Jesus heute sagen“?
Der ist weiterhin fasziniert vom Bergsteigen und Klettern und Gleitschirmfliegen, ohne wirklich die Bodenhaftung zu verlieren.
Der tritt, 2007, in die globalisierungskritische Organisation Attac ein, um für eine neue Weltwirtschafts- und Friedensordnung zu kämpfen, gegen die Gier sog. Geierfonds, gegen einen global agierenden Kapitalismus, den er für „krank, unsittlich und ökonomisch falsch“ hält.
Und in diesen Herbsttagen 2010: Da brachten ihn zunächst die Grünen, dann der christdemokratische Ministerpräsident Stefan Mappus als Moderator und objektiven Vermittler im Bahnprojekt „Stuttgart 21“ ins Spiel.
Seitdem ist Heiner Geißler das unmöglich Scheinende gelungen:
heillos zerstrittene Parteien an einen Tisch zu bringen;
die emotionale Schärfe und parteipolitische Polemik zu nehmen und auf strikten Austausch von Sachargumenten zu achten;
beharrlich Freitag für Freitag strittige Themenkomplexe abzuarbeiten, öffentlich, vor laufenden Kameras von „Phönix“ und „SWR“, mit Live-Stream im Internet, mit Public Viewing in Stuttgart, mit aktuellem Newsticker bei allen großen Zeitungen. So macht er modellhaft schwierige Diskussions- und Verhandlungsprozesse radikal öffentlich und transparent, sucht er das gespaltene Stuttgart und die gespaltene Republik zu befrieden.
Als klare Antwort auf eine Politik der verschlossenen Tür, die Bürger ausgrenzt und Fakten verschweigt.
Um nichts weniger geht es dem parteiübergreifend anerkannten CDU-Senior Heiner Geißler als um einen „demokratischen Prototyp“ bei milliardenschweren Großprojekten, um die „Erprobung eines neuen Modells für eine moderne Bürgergesellschaft“, wie die „Süddeutsche“ schrieb.
Dass er seine Vermittlerrolle mustergültig wahrnimmt, souverän und kompetent, wird Heiner Geißler von allen Seiten bescheinigt. Begeistert zeigt man sich vom „etwas gebeugt auftretenden Moderator mit dem knittrigen Charakterkopf“, wenn er Diskutanten zurechtweist oder auf die Ansprüche der Zuschauer aufmerksam macht, etwas verstehen zu wollen.

Heiner Geißler ist ein Mann, der nicht aufgehört hat, von einer besseren Welt zu träumen - wie in seinem jüngsten Buch „Ou Topos. Suche nach dem Ort, den es geben müsste“. Mit ihm ist er heute Abend bei uns zu Gast.
Herzlich willkommen beim 9. Eifel-Literatur-Festival 2010,
bei der 28. und letzten Veranstaltung in diesem Jahr,
herzlich willkommen in der Stadthalle Bitburg: der Querdenker und Visionär Heiner Geißler.

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