Von April bis Oktober 2016

Einführungsrede Dr. Josef Zierden zu Reinhard Jirgl

Freitag., 7. September 2012 in Bitburg

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
„kann das sein, dass wir da einen Fehldruck erhalten haben? Voller Druckfehler?“ Selbst literaturerfahrene Redakteure einer Lokalredaktion gaben mit dieser Frage zu erkennen, dass die Rechtschreibung und Zeichensetzung in den Romanen Reinhard Jirgls sehr gewöhnungsbedürftig sei - und oft die härteste Hürde in der Annäherung an diesen bedeutenden Autor. Die den Ruf verstärkt hat, der Autor sei „schwierig“, sei „sperrig“, der grenze mit seiner Experimental-Orthographie unnötig Leser aus, die doch eigentlich an seinem Werk interessiert seien.
Der Autor selber weiß um das Gewöhnungsbedürftige seiner Sprachkunst, er weiß, dass sie viel  verlangt von seinen Lesern. Umso mehr kämpft er an gegen „die Legende der Schwierigkeit“ und wirbt für den sprachlichen Mehrwert des Druckbildes, ebenso wie die Literaturkritiker.
„Anspruchsvoll“, „experimentell“, „avantgardistisch“ nennen die seine typografisch und orthografisch eigenwillige Schreibweise und Zeichensetzung. Die mischt Ziffern und Zeichen, die verwandelt Satzzeichen zu Klangzeichen. Die setzt Fragezeichen oder Ausrufezeichen vor Wörter. Die spielt mit Klein- und Großschreibung, mit Zusammen- und Getrenntschreibung. Die zerlegt virtuos Wörter zerlegt und gewinnt ihnen verblüffend neue, doppelsinnige Bedeutungen ab. Zersplittert und konstruiert, lautmalerisch, wortspielerisch, gelegentlich auch kalauernd. Eine als körperlich, als Material aufgefasste Sprache, deren konventioneller Zeichenfluss gestört wird. Das kann Lesehürden aufbauen, das kann den Lesefluss stauen und verlangsamen und umso mehr zum genauen Lesen zwingen. Und es kann den Leser hineinziehen kann in unerhörte Sprachstromlandschaften und hintergründige Bildwelten. „Für das Auge geschrieben, an das Ohr adressiert“, schrieb dazu in der „Süddeutschen Zeitung“ der Literaturkritiker Lothar Müller.
Was beim konventionellen Vorlesen bedeutet - und hier möchte ich Ängstliche ermuntern - was beim konventionellen Vorlesen bedeutet, dass die Jirglschen Texte manches von ihrer Schwierigkeit verlieren. Dass Jirgl bei Konjunktionen wie „und“ oder „oder“ bis zu sieben Schreibweisen kennt, kann man akustisch ja kaum transportieren. Auch nicht so gut Wortneuschöpfungen wie „Moneypulationen“ als Machenschaften der Finanzwelt oder das Verb „benuttsen“ für die lustvolle Beziehung zwischen den Geschlechtern.
Jirgls Orthografie jedenfalls, und deswegen habe ich gleich damit begonnen, Jirgls Orthografie jedenfalls polarisiert und irritiert die Leserschaft am meisten.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
als „schwierig“ und „sperrig“ gilt das Werk Reinhard Jirgls, vor allem aber als sehr bedeutend. Worüber wir nicht vergessen sollten, dass Jirgls Weg zum literarischen Durchbruch ein sehr weiter war - und ohne das Ende der DDR-Diktatur schwer vorstellbar.
Jirgl, 1953 in Ostberlin geboren, studierte von 1971 bis 1975 Elektronik an der Humboldt-Universität und arbeitete zunächst als Service-Ingenieur an der Akademie der Wissenschaften der DDR in Berlin-Adlershof. 1978 wechselte er an die Berliner Volksbühne, wo er sich als 13. Beleuchter über Wasser hielt. Immerhin: hier lernte er seinen Förderer kennen, Heiner Müller, einen der bedeutendsten deutschen Dramatiker. Der setzte 1986 durch, dass ein Kapitel aus Jirgls „Vater Mutter Roman“ in der Zeitschrift „Sinn und Form“ abgedruckt wurde.
Erste Prosaarbeiten Jirgls sind schon in den 1970er Jahren entstanden. Sie blieben aber wegen „nichtmarxistischer Positionen“ weitgehend ohne Aussicht auf Veröffentlichung. Zur Wende 1989 lagen so sechs dicke, weitgehend unveröffentlichte Manuskripte in Jirgls Schubladen.
Das Buch-Debüt Jirgls war erst in den Wirren des politischen Umbruchs in der DDR möglich, im Frühjahr 1990: mit dem „Mutter Vater Roman“, verfasst von 1980 bis 1985.
Dass Jirgl überhaupt als Schriftsteller wahrgenommen werden konnte, ist allerdings erst dem Münchener Hanser-Verlag zu verdanken. Der veröffentlichte 1995, Jirgl war damals 43 Jahre alt, den Roman „Abschied von den Feinden“ und verschaffte Jirgl damit den öffentlichen Durchbruch als einer der bedeutendsten deutschen Autoren.
„Abschied von den Feinden“: Das ist die Geschichte zweier verfeindeter Brüder, die als Söhne eines ehemaligen SS-Mannes in der DDR aufwachsen, sich für die entgegengesetzten politischen System entscheiden und einander hassen. Familiengeschichte, die deutsch-deutsche Geschichte spiegelt.
Seit 1996 lebt Jirgl als freier Schriftsteller in Berlin, fast Jahr um Jahr mit wichtigen Literaturpreisen bedacht: darunter 1993 mit dem Alfred-Döblin-Preis, 1999 mit dem Joseph-Breitbach-Preis, 2006 mit dem Literaturpreis der Stadt Bremen, 2009 mit dem Grimmelshausen-Preis und 2010 mit dem Georg-Büchner-Preis, dem bedeutendsten deutschen Literaturpreis überhaupt. In seinen Romanen habe Jirgl ein „eindringliches, oft verstörendes Panorama der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert entfaltet“, hieß es in der Begründung des Büchner-Preises im Oktober 2010. Das lässt sich auch vom Roman des heutigen Abends sagen: „Die Stille“. Der hat den Ruf Jirgls bekräftigt, einer der wichtigsten deutschen Autoren der Gegenwart zu sein. Für die Wochenzeitung „Die Zeit“ zählt der Roman zu den bedeutendsten Büchern unserer Zeit überhaupt. Der Klappentext des Buches preist es als „das monumentale Epos vom langen 20. Jahrhundert in Deutschland“. 100 Fotografien eines Familienalbums folgend, erzählt Jirgl die Geschichte zweier Familien, die eine aus Ostpreußen stammend, die andere aus der Niederlausitz. Erzählt über zwei Weltkriege, über Inflation, Flucht und Vertreibung, über fünf politische Systeme hinweg, von der Kaiserzeit bis heute. Familiengeschichte, verzwirnt mit der Geschichte einer Nation. Mit Protagonisten, die beladen sind von „Schuld“, die „Leichen“ in ihren Kellern haben. Vor allem Georg Heinrich Adam, Jahrgang 1935, und seine Schwester Felicitas, Jahrgang 1939. Ein Roman, in dem Katastrophen alltäglich geworden sind. Das von Liebe und Verrat erzählt, von Hass und Geschwisterliebe. Ein „Vexierbild aus Worten (...), ein zauberhaftes Sprachkunstwerk, das ständig verändert, was es zeigt“, hieß es in einer Rezension der Frankfurter Rundschau.

Herzlich willkommen beim Eifel-Literatur-Festival 2012,
herzlich willkommen im Festsaal von Haus Beda - der Mann, der solche „Vexierbilder aus Worten“ und solche „zauberhaften Sprachkunstwerke“ schafft und der uns mit seiner eigenwilligen Orthographie und Zeichensetzung gleichermaßen verstört wie verzaubert: Herzlich willkommen Reinhard Jirgl.