Einführungsrede zu Wladimir Kaminer

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

vor wenigen Tagen erst: Post im Briefkasten. Ein Päckchen von einem Schulbuchverlag. Der Inhalt: Eine rund 300 seitige Literaturgeschichte, in diesen Septembertagen 2010 erst erschienen.
Ein erstes Blättern führt zum Erfolg: Ja, Wladimir Kaminer, der Gast unseres heutigen Festivalabends in Adenau - der steht bereits in diesem Buch.
Der zählt bereits zu den bekannten und wichtigen Autoren und Autorinnen der Gegenwart, aufgeführt im letzten Kapitel „Von 1989 bis ins 21. Jahrhundert“ - zusammen mit Nobelpreisträgerin Herta Müller, mit Daniel Kehlmann, Ingo Schulze, Martin Suter oder Sten Nadolny.
Sie alle, gleichsam im gedruckten Olymp der Literatur versammelt, waren schon Gäste des Eifel-Literatur-Festivals

Aber schließen wir trockene Literaturgeschichten und ihre hölzernen Schubladen, öffnen wir uns der lebendigen Begegnung mit einem ungemein interessanten wie produktiven Autor. Der 1967 in Moskau geboren wurde und seit 1990 mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Berlin lebt - nachdem er als russischer Jude in der noch existierenden DDR „humanitäres Asyl“ erhalten hatte.
Nach dem Fall der Mauer, wenige Wochen vor der deutschen Wiedervereinigung, in den letzten Wochen der Ära Gorbatschow.
Schon bald gefeiert als „Star der jungen deutschen Literatur“, seit er im Jahr 2000 mit der legendären Erzählsammung „Russendisko“ debütierte.

Buch um Buch, 17 Bücher in zehn Jahren, hat Wladimir Kaminer seither geschrieben. Längst gefeiert als kreatives Multitalent und gerühmt als einer der beliebtesten und gefragtesten Autoren Deutschlands. Berühmt für einen tiefgründigen Witz und seine schnörkellose Sprache.

Wer Kaminers Bücherstapel lesend abgetragen hat, der weiß viel über das neue Leben der Russen in Berlin, über seine russische Sippen, über seine russischen Nachbarn.
Der kennt Kaminers Vater, der bei dem Versuch, in Deutschland den Führerschein zu machen, jahrelang jeden Fahrlehrer in den Wahnsinn treibt. Und nur, weil er während der Fahrt lieber auf seine Füße als auf die Straße schaut.
Der kennt die Russen-WG, in der man auch schon mal um 8.00 Uhr früh auf dem Balkon Trompete spielt und sich freut, wenn die Nachbarn an die Decke klopfen, um sie anzufeuern.

Die weltofffene, multikulturelle Metropole Berlin: in der Sicht und in der Feder Wladimir Kaminers wird sie zu einem bunten Panoptikum bemerkenswerter Menschen, merkwürdiger Schicksale und unerhörter Begebenheiten. Ob in der Schönhauser Allee oder auf dem Prenzlauer Berg: charmant setzt Kaminer den ganz normalen Helden des Alltags ein vergnügliches, ein umwerfend komisches Denkmal.
Wobei er immer wieder Brücken baut, die wir gerade in diesen Tagen schwieriger Sarrazin-Debatten um Integration und Toleranz in der Einwanderungsgesellschaft so dringend brauchen: Brücken nämlich
- zwischen russischen Emigranten,
- zwischen Russen und Deutschen,
- zwischen Ost und West vor und nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, vor und nach dem Ende des Kalten Krieges.
Immer wieder räumt Kaminer dabei - voller Komik, Satire und Selbstironie - mit Legenden und Missverständnissen über das Leben in der untergegangenen sozialistischen Sowjetunion auf.
Und immer wieder hält er natürlich uns Deutschen den satirischen Spiegel vor, nicht nur, wenn er in die Spießeridylle der Schrebergärten eintaucht oder von Bahnstation zu Bahnstation in die deutsche Provinz.
Und jetzt und heute Abend hier in Adenau der jüngste Kaminer: „Meine kaukasische Schwiegermutter“. Wiederum eine Welt voller komischer Geschichten, der Lebensfreude, der Abenteuer und der ungewöhnlichen Begegnungen, in die uns der „Lieblingsrusse aller Deutschen“ entführt.

Herzlich willkommen beim 9. Eifel-Literatur-Festival 2010, herzlich willkommen in der Hocheifelhalle zu Adenau -
der deutsch-russische Kultautor Wladimir Kaminer.
 

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