Von April bis Oktober 2016

Einführungsrede zu Harry Rowohlt


Meine sehr geehrten Damen und Herren,
„monumental“, „genial“ - das ist noch das Mindeste, was man dem Gast des heutigen Festivalabends mit seiner markanten Bart- und Haupthaaroptik nachsagt.
Etwa jene 100 prominenten Weggefährten - Schriftsteller, Publizisten, Kritiker, Zeichner, Schauspieler, Verleger - die ihn im März 2005 mit dem Buch „Der Große Bär und seine Gestirne“ auf fast 300 Druckseiten zu seinem 60. Geburtstag grüßten, getextet, gedichtet oder gemalt.
„Monumental“, „genial“ als Übersetzer, als Autor, als Vortrags- und Lebenskünstler oder als Gelegenheitsschauspieler.
Harry Rowohlt, der belletristische Übersetzer:
Rund 140 Bücher hat Rowohlt aus dem Englischen meisterhaft übertragen und so zunehmend Kultstatus erreicht, als funkelnder, virtuoser, sprachmächtiger Übersetzer vor allem des Kinderbuchs „Pu der Bär“ von A.A. Milne sowie vorzugsweise irischer oder amerikanischer Autoren, vor allem von A.S. Neill, Flann O’ Brien oder Frank McCourts.
Wenn Hunderttausende von Lesern mit Winnie-Puuh, dem gutmütigen Bären von geringem Verstand, mit Esel, Schweinchen, Känguru, Eule, Kaninchen kleine Abenteuer im Wald erleben, dabei immer auch auf der Naschjagd nach Honig;
wenn sie sich an der spielerischen Brillanz und an der Fabulierkunst eines irischen epischen Urgesteins wie Flann O’ Brien erfreuen oder am Kinderbuch „The Last man Alive“ von A.S. Neill, das Heinrich Maria Ledig-Rowohlt wegen seines amerikanischen 40er-Jahres-Gangsterslangs für unübersetzbar erklärt hatte - dann baut immer wieder Harry Rowohlts geniale, vielfach preisgekrönte Übersetzungskunst Brücken zur Weltliteratur. Dann kennen ihn Millionen, ohne ihn zu kennen oder vertrauen bewusst dem Markenzeichen „Übersetzt von Harry Rowohlt“. Manche literarische Perle hat so erst den wahren Schliff erhalten.
Längst schon gilt er als der berühmteste deutsche Übersetzer, als Star der Szene, preisgekrönt u.a. im Jahr 2003 mit einer Platin-Schallplatte für 500.000 verkaufte Exemplare der CD „Pu der Bär“ oder mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis 2003 in der Sparte Kinderbuch für seine Übersetzung von Philip Ardaghs „Schlimmes Ende“, 2005 mit dem Deutschen Jugendliteratur-Sonderpreis für das Gesamtwerk eines deutschen Übersetzers. „Ein All-Age-Übersetzer wie Rowohlt“, hieß in der Begründung der Jury, „ein all-age-Übersetzer wie Rowohlt kann den Blick für literarische Qualitäten schärfen, die Werke der Kinder - wie die der Allgemeinliteratur gleichermaßen auszeichnen und so die ohnehin durchlässige Grenze zwischen den Bereichen überschreiten. Es sind Qualitäten wie ausladende Komik, Schrägheit, Hintersinn, Skurrilität, Absurdität, Übertreibung und Genialität, die das gesamte Übersetzungs-Oeuvre Rowohlts durchdringen. Sein ganzes Schaffen zeichnet sich aus durch höchste Ansprüche an sich selbst und Sprachverliebtheit bis zur Sprachbesessenheit.“ (Zitatende)
So groß ist der Schaffensrausch des perfekten Übersetzers, dass ihn der Cheflektor des New Yorker Alfred-Knopf-Verlags mit Herman Melvilles Schaffensrausch bei der Arbeit an „Moby Dick“ verglich und dessen Ausruf zitiert: „Man gebe mir die Feder eines Kondors! Man gebe mir den Krater des Vesuvs als Tintenfaß!“
Und wenn Rowohlt auch sonst nichts studiert hat: Übersetzungskunst hat er schon studiert, wenn auch eher kurz: „Zweieinhalb Stunden in München“, sagte er einmal: „Ein Übersetzerseminar. Immer, wenn ein schwieriges Wort vorkam, musste ich denen erklären, was das heißt, und da dachte ich mir: Wenn das Studieren ist, dann brauch ich das nicht.“
Schade nur, dass man ihn wohl immer noch nur mit Standardhonoraren abspeist. Und dass er über die Schreibmaschine wohl auch noch nicht hinausgekommen ist, allerdings „aus Blödheit, nicht als Prinzip“, wie er erklärt.

Harry Rowohlt: der Autor
Harry Rowohlt hat sich auch als Schriftsteller und Poet einen Namen gemacht. In seiner „Zeit“-Kolumne „Pooh’s Corner“, geschrieben aus der Sicht des Bären, bedachte er den Kulturbetrieb immer wieder mit bissigen Kommentaren. Dabei verband er zuweilen dadaistische Sprachphilosophie mit Musikkritik und ließ stellenweise biographische Details einfließen. Die erste Sammlung seiner Kolumnen erschien 1993 unter dem Titel „Pooh’s Corner - Meinungen und Deinungen eines Bären von geringem Verstand“ in Buchform. 1997 folgte ein zweiter Band und später eine Hörfassung. Rowohlts Credo: „Ein Buch sagt mehr als 1000 Worte.“

Harry Rowohlt: der Verlegerssohn
Auch wenn er selber sagt: „Ich habe mit dem Rowohlt-Verlag soviel zu tun wie Bobby Fischer mit dem S. Fischer-Verlag“, es stimmt dennoch: Harry Rowohlt ist der Sohn des Verlegers Ernst Rowohlt und der Schauspielerin Maria Pierenkämper. Geboren am 27. März 1945 während der dritten Ehe der Schauspielerin mit dem Schauspieler Max Rupp. Später heiratete seine Mutter dann Ernst Rowohlt. Den Vater will er erst im Verlagsvolontariat so richtig kennengelernt haben. „Womit habe ich dieses Straflager verdient? Ich hab doch niemanden umgebracht“, dachte Rowohlt zunehmend über die vorgefundenen „wilhelminischen Strukturen“. Seine Begründung, warum er den Verlag nicht übernommen habe: „Mein Vater ist ja fünfmal Pleite gegangen mit seinem Scheißladen. Wenn ich den Rowohl-Verlag übernommen hätte, wäre das die erste Tradition geween, die ich wieder hätte aufleben lassen.“ Außerdem wolle er unter sich keine Sklaven sehen und über sich keinen Herrn. Rowohlts Halbbruder Heinrich Maria Ledig-Rowohlt führte den Verlag weiter. 1983 verkaufte er und Harry den Verlag an die Stuttgarter Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck, zu der bekanntlich auch die führende Tageszeitung unserer Region, der TV, gehört.

Harry Rowohlt: der Schauspieler
So ist Harry Rowohlt Spross der Verlegerfamilie Rowohlt und doch Deutschlands bekanntester Obdachloser.
In der „Lindenstraße“ gibt Rowohlt seit gut 10 Jahren den Penner Harry, eine Rolle, für die er weder Maske noch Bühnengarderobe braucht. Eine Rolle, die ihm andere Leute auch im anderen Leben zutrauen: In Mannheim gastiert er nicht mehr, seit ihn dort vor Jahren ein Taxifahrer aus dem Wagen warf, weil er ihn für einen Stadtstreicher hielt. Berühmt geworden ist ein typisches Rowohlt-Zitat aus einem der Briefe an den „Lindenstraßen“-Regisseur Hans Geissendörfer: „Bevor ich in der ‘Lindenstraße’ mitspielte, hegte ich den finstern Verdacht, dass 85 bis 90 Prozent der Menschheit leider zu blöd sind. Seitdem ich in der ‘Lindenstraße’ mitspiele, weiß ich es mit Sicherheit.“
Harry Rowohlt: der Vortragskünstler
Harry Rowohlts Lesungen - und eine solche soll es ja heute auch noch geben trotz der Länge dieser Einführung - Harry Rowohlts Lesungen haben legendären Ruf. Er selbst, 1996 zum „Ambassador of Irish Whiskey“ ernannt- betitelte sie einmal als „Schausaufen mit Betonung“. Er komme prinzipiell „blitznüchtern“ zu einer Lesung, hat er einmal verkündet, denn das Publikum habe ein Anrecht darauf mitzuerleben, wie sich der Dichter systematisch zugrunde richte. Aber er beruhigt auch gleich: „Mäßig genossen schadet Alkohol auch in großen Mengen nicht.“ Ansonsten macht öffentliches Saufen auch wirtschaftlich Sinn für Rowohlt: „Seitdem ich über die Käffer tingle und Schausaufen mit Betonung mache, also praktisch fürs Saufen bezzahlt werde, trinke ich privat kaum noch was, weil ich dann den Eindruck habe, ich arbeite schwarz an der Steuer vorbei.“ Bei so viel Whiskey-Konsum ist es auch nicht verwunderlich, dass sich Rowohlt nicht bierernst nimmt.
Ansonsten kann es eine Orgie vergnüglicher Abschweifungen werden, wortverliebter Sprachjonglierereien oder lästermäuliger Beleidigungen - also recht lang.
Zudem: Rowohlt gilt als Stimmvirtuose. Die Vokabeln reichten nicht, meinte ein Literaturkritiker, um diese Stimme zu beschreiben, so sonor sei sie, „irgendwie brummend, ohne brummig zu sein“. Da klinge jeder Satz so charmant und bedeutend.
Ein ganzes Stimmorchester scheint da am Werk, wie die „Stuttgarter Zeitung“ einmal kommentierte: „Rowohlt liest wie ein ganzes Orchester, wechselt ständig die Stimmlagen. Summt und brummt, säuselt und brüllt.“ Ja, als Sprachkünstler hat er wohl ein ganz eigenes Genre erfunden, folgt man der Jury des Satire-Preises „Göttinger Elch 2001“: ein Genre namens „das Rowohlt“, (Zitat): „Es ist ein Vergnügen, ihm zuzuhören - ganz besonders in der zweisprachigen Präsentation der ausgewählten Texte. Rowohlts englische, irische, amerikanische Sprachkompetenz ist umwerfend...“

Meine sgDuH,
keine Sorge: ich schließe.
„Ge(h)-Stirn“ sag ich zu mir, ein Appell abzutreten und dem Großen Bären und seinen Gestirnen Platz zu machen - auf dass er strahle am Eifelhimmel, den allenfalls Whiskeyfusel und Zigarettenqualm und nobler Dorintbeton verdecken können.
Herzlich willkommen beim 7. Eifel-Literatur-Festival eigentlich auf Schloss Hamm, vorübergehend verzogen in den Europasaal des Dorint-Hotels: herzlich willkommen Harry Rowohlt.