Von April bis Oktober 2016

Einführungsrede zu Senta Berger

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Fliegen zu können war immer schon ihr Traum: abzuheben, durch die Luft zu schweben, alles Enge und Begrenzte und Erdenschwere hinter sich zu lassen im unbeschreiblichen Gefühl der Leichtigkeit des Seins.
„Ich habe ja gewußt, dass ich fliegen kann“ betitelt Senta Berger ihre Lebenserinnerungen.
Ihren Kindertraum vom Fliegen stellt sie voran, um nach mehr als 300 Seiten Erinnerungen mit einem literarischen Zitat, mit den letzten Worten von Arthur Schnitzlers Fräulein Else zu beschließen.
Die möchte nicht länger mehr einsam durch die Wüste ihres Lebens laufen, sondern sich im Fliegen loslösen von den Ängsten und Qualen ihrer Existenz.
Die so umrahmte Lebenserzählung beginnt Senta Berger mit einem sehr realen Flug: mit dem Flug von Wien nach Los Angeles im Januar 1964.
Bevor sie, 23 Jahre alt, das Flugzeug besteigt, nimmt sie Abschied von Wien, nimmt sie Abschied vom Elternhaus, Abschied von ihrem Kinderparadies. Erinnert sie sich an ihre Jugend, an ihre Familie, an die Großeltern, an die ersten Schritte im Schauspielseminar, vor der Kamera und auf der Bühne: an die frühe musikalische Förderung durch ihren Vater, an den ersten Klavier- und Ballettunterricht, an ihren ersten Film mit Hans Moser oder an den Durchbruch mit der Simmel-Verfilmung „Es muss nicht immer Kaviar sein“ (1961), an der Seite von O.W. Fischer.
Und 1964 schließlich: da startet sie mit dem Flug nach Amerika zugleich den Höhenflug ihrer Filmkarriere - in Hollywood, an der Seite von Weltstars wie Frank Sinatra und John Wayne, Charlton Heston und Richard Widmark, Orson Welles und Robert Wagner, Kirk Douglas und Yul Brunner und Alain Delon.
Und wie leidenschaftlich bis handgreiflich flogen ihr deren Sympathien - aber Senta Berger blieb standfest und unbeeindruckt.
Senta Berger zählt zu den wenigen deutschsprachigen Schauspielern, die den internationalen Durchbruch geschafft haben; in Hollywood, Italien und Frankreich - charmant, dezent, und ohne Skandale.
Und ohne Allüren, immer sie selbst.
Sie hätte ein Weltstar werden können - und wurde doch lieber ein glücklicher Mensch.
Dem die Familie wichtiger war als die Karriere.
Der inzwischen länger verheiratet ist, als das Verfallsdatum einer deutschen Durchschnittsehe und erst recht das Klischee der Künstlerehe vermuten lässt: 40 Jahre genau. Karriereflug, ohne abzuheben - Höhenflug mit Bodenhaftung, „Windsbraut“ mit Familiensinn.
In weit mehr als 100 Kinofilmen hat sie mitgespielt, darunter in amerikanischen Filmklassikern wie „Liebe im Dreiviertel-Takt“, „Die Sieger“ oder „Im Schatten des Giganten-
Sie ist am Burgtheater in Wien, am Thalia-Theater in Hamburg und am Schillertheater in Berlin aufgetreten.
Bei den Festspielen in Salzburg war sie seit Mitte der 70er Jahre, fast zehn Jahre lang, die verführerische Buhlschaft im Hugo von Hofmannsthals „Jedermann“, an der Seite von Curd Jürgens und von Maximilian Schell.
Mitte der 80er Jahre wurde sie zum Serienstar im deutschen Fernsehen und zu dem weiblichen Fernsehstar in Deutschland überhaupt: mit „Kir Royal“ und „Die schnelle Gerdi“ und seit 2002 mit der ZDF-Krimireihe „Unter Verdacht“.
Für ihre schauspielerischen Leistungen erhielt sie u.a. den „Golden Globe“, den „Bundesfilmpreis“, den „Silbernen Bären der Berlinale“ und gleichmehrfach den „Bambi“.
So spiegelt ihr Leben mehr als 40 Jahre Theater-, Film- und Fernsehgeschichte und auch ein gewandeltes Rollenbild der Frau: vom „Fräuleinwunder“ und „Sexsymbol“ der Nachkriegszeit, von der „Sophia Loren von Wien“ und der „Zweiten Marilyn Monroe“ hin zur erfolgreichen, selbstbestimmten Frau und ernstzunehmenden Schauspielerin. Die Heldinnen, die sie verkörpert, sind positiv, ehrlich, lebensklug, erotisch - und immer noch schön.
Seit Februar 2003 ist Senta Berger Präsidentin der Deutschen Filmakademie und kümmert sich ihrerseits um den Nachwuchs, um junge Menschen, die ihren so erfolgreich realisierten Traum vom Schauspielberuf wieder neu träumen.
Und wenn Senta Berger heute Abend in der Kulturhalle in Irrel ein wenig von Wiener Kaffeehausatmosphäre erstehen lässt,
wenn sie uns in das Wien des österreichischen Schriftstellers Alfred Polgar entführt,
wenn sie am Klavier ihre Wiener Heimat klanglich heraufbeschwört,
dann schwingt vielleicht auch ein wenig Heimweh mit: nach dem Wien von früher, nach der Senta von früher. Als sie als Kind mit ihrem Vater stundenlang Klavier gespielt und gesungen hat, in einer winzigen Wohnung in Wien, in der Lainzerstraße 148 - in ihrem Kinderparadies...
Wo alles begonnen hat, wo sie früh davon träumte, einmal Schauspielerin zu werden. Und eben: zu fliegen, von allem Erdenschweren losgelöst...
Meine sgDuH.,
wir glauben nur zu gerne, seit Jahrzehnten schon, dass Senta Berger fliegen kann.
Und wir wissen schon jetzt, dass Ihr heute Abend unsere Herzen zufliegen werden, dass wir uns allzu gerne lösen werden von der gelegentlichen Schwere des Alltags.
Heute Abend in der Kulturhalle zu Irrel,
wo ich herzlich willkommen heiße beim 7. Eifel-Literatur-Festival:
- Sie, liebe Freunde von Senta Berger,
- und natürlich den Star des Abends, Senta Berger mit dem Trio Eumusica.