Von April bis Oktober 2016

Einführungsrede zu Margriet de Moor

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Man hätte es sehen können.
Man hätte es wissen können.
Oder zumindest doch ahnen: dass die Zeichen auf Sturm standen - in der Nacht auf den 1. Februar 1953 in den Niederlanden.
Als sich ein Tief von Grönland in Richtung Westeuropa in Bewegung setzte;
als die Flut immer stärker an die Küsten Südhollands heranrollte, aufgepeitscht von orkanartigen Winden.
Während sich die Menschen noch hinter Deichen von Gedankenlosigkeit, Selbstberuhigungsformeln und Gottvertrauen verschanzten, überrollte eine Jahrhundertflut die Küsten Südhollands.
Fast 2000 Menschen fanden den Tod, mehr als 800 blieben für immer vermisst. 200.000 Nutztiere ertranken, 3000 Wohnungen und 300 Bauernhöfe wurden vollständig zerstört. 200.000 Hektar Ackerland wurden überflutet und durch das Salzwasser auf viele Jahre unfruchtbar gemacht. Ganze Inseln gingen unter. Eine Jahrhundertflut, die schlimmste seit 500 Jahren in den Niederlanden, ein nationales Trauma.
Das ist der historische Stoff in Margriet de Moors jüngstem Roman „Sturmflut“. Sie verbindet ihn mit einer Familiengeschichte.
Die beginnt mit einem harmlosen Rollentausch zweier Schwestern und endet tragisch.
Lidy, die ältere, übernimmt für ihre Schwester Armanda einen Wochenendbesuch bei einem Patenkind in Zeeland. Unterdessen hütet Armanda, die jüngere, unverheiratete, kinderlos, Lidys zweijährige Tochter und geht mit Lidys Ehemann auf eine Party im Familienkreis. Ist die eine zur falschen Zeit am falschen Ort? Ist die andere zur richtigen Zeit am richtigen Ort?
Denn mit Lidy taucht die Autorin ein in jene apokalyptische Nacht und lässt uns teilhaben am Überlebenskampf von Menschen, die den Stürmen und Fluten schutzlos ausgeliefert sind.
Der „Wutanfall der Natur“
- er verwandelt Küsten-Idyllen in „Hexenkessel“,
- er macht harmlose Wochenendtrips zu tödlichen Höllenfahrten,
- er belegt die Ohnmacht des Menschen, auch der stolzen Wissenschaftler und Techniker, vor der verheerenden Urgewalt der Natur;
- er verdichtet Zufälle zum tragischen Schicksal,
- er gibt glücklichen Leben tragische Wendungen,
- er schwemmt jede Sicherheit und Ordnung hinweg im Chaos der entfesselten Elemente.
Und Armanda? Im beständigen Wechsel der Erzählebenen hält die Erzählerin zusammen, was die Katastrophe auseinandergerissen hat: Armandas getauschtes Leben. Eher ereignisarm in seiner Alltäglichkeit. Aber ebenfalls nicht frei von Katastrophen, Auflösungen, Zerstörungen. Immer im Schatten der allzu gern Verdrängten, deren Lebenskampf und Untergang niemals zu enden scheint.
Denn Lidys Inferno wird über Hunderte von Seiten mikroskopisch gedehnt, wie Vergangenheit, die nicht vergehen will. Indes Armanda im Zeitraffer ganze Jahrzehnte durcheilt.
Gedehnte Kürze gegen geraffte Länge, Lebensdichte gegen Lebenslänge, Extremkatastrophe gegen Normalität des Alltags, Ausgesetztsein gegen scheinbare Geborgenheit.
Im heiter-gelassenen Gespräch auf dem Sterbebett des Pflegeheims finden die betagte Armanda und die junge „Wasserleiche“ Lidy wieder zusammen.
Der Satz aus de Moors berühmtem Romandebüt „Erst grau dann weiß dann blau“, „dass sich ganz in der Nähe des Lebens, in dem man zufällig gelandet ist, ein anderes befindet, das man genauso gut hätte führen können“, dieser Satz spiegelt sich auch im Leben der beiden Geschwister und ihrem verhängnisvollen Rollentausch wieder.
Der Roman „Sturmflut“, 2006 erschienen - für viele ist er Margriet de Moors Meisterwerk in einer Reihe großer Erzählungen und Romane, mit denen sie sich seit Ende der 80er Jahre in die Herzen der Leser und die Gunst der Kritiker geschrieben hat.
Martin Lüdke, SWR-Literaturchef und seit Jahren ein wohlgesonnener Begleiter des Eifel-Literatur-Festivals - 2004 hat er von der Landesgartenschau Trier eine ganze Fernsehsendung zum Festival aufgezeichnet - , Martin Lüdke wird in Margriet de Moors Leben und Werk ausgiebiger einführen, im Gespräch.
Herzlich willkommen also beim 7. Eifel-Literatur-Festival - Martin Lüdke vom SWR und Margriet de Moor, durchaus trockenen Fußes zu uns gelangt aus der Nähe von Amsterdam - aber vielleicht stürmisch empfangen von Ihnen, liebe Freunde des Festivals