Von April bis Oktober 2016

Einführungsrede zu John von Düffel


Meine sehr geehrten Damen und Herren,
am Anfang war das „Wasser“.
Womit ich nicht zu einem Exkurs über die altgriechisch-ionische Naturphilosophie eines Thales von Milet ausholen möchte und seine Annahme, das Wasser sei der Ursprung aller Dinge.
Und auch nicht, was zumindest räumlich naheliegender wäre, zu einem Exkurs über den Stausee Bitburg und seine Impulse für den Tourismus im Bitburger Land.
Das „Wasser“, das ich meine, ist John von Düffels Romandebüt „Vom Wasser“: 1998 erschienen, von mir aber erst im Sommer 2003, mit der gerade erschienenen Taschenbuchausgabe, verschlungen - oder verschlang es mich, im rauschhaften Sog auch des Erzählflusses, im mitreißenden Strudel unerhörter Beschreibungen des Elements Wasser:
- das Wasser und seine Gerüche - die Klarheit und Frische der Welt nach einem Regenguss; wie das Wasser den Dingen ihren Geruch wiedergibt und ihre volle Färbung;
- das Wasser, stehend, fließend, reißend - als Seen, Flüsse, Meere: gezähmt und domestiziert, ohne Untiefen und Gefahren, Halt bietend oder auch mitreißend wild, dunkel drohend und gefährlich; oder stehend in einem Teich, versickernd, versiegend, statt ins weite Land und in die Ferne hinaus seine glänzend Bahn zu ziehen. Düffels immense sensorische Kraft für Farben und Gerüche, für Geschmack und Geräusche von Wasser, für seine Verbindungen mit Zeit und Raum - diese sensorische und poetische Kraft hat sicherlich ganz wesentlich dazu beigetragen, dass der Debütroman „Vom Wasser“ begeistert aufgenommen worden ist, ja dass er im „Rheinischen Merkur“ als das vielleicht „beste Buch, das in den letzten Jahren herausgekommen ist“, gelobt wurde.
„Vom Wasser“ erzählt die Geschichte einer deutschen Papierfabrikantenfamilie über fünf Generationen hinweg, die schwarzes Wasser in weißes Papier verwandelt und Papier in Geld. Erzählt es in einem schillernden Strom der Träume, Erinnerungen und Gedanken, hingegeben auch dem Fließen der Zeit.
Wenn Düffel erzählt, hat er immer nahe ans Wasser gebaut, schrieb einmal ein Literaturkritiker. Und in der Tat sind seine Romane immer wieder durchwirkt von poetischen Wasserzeichen, bis hin zu seinem Roman „Houwelandt“. Jorge, der Patriarch der Familie, dessen 80. Geburtstag gefeiert werden soll, der braucht, mehr noch als die Luft zum Atmen, das Meer, der braucht Tag für das Tag das Schwimmen im Meer, der führt ein Inseldasein in wilder, feindlicher Brandung, schwer zugänglich wie er selber. Dass Düffel Langstreckenschwimmer ist, dass er immer wieder auch Aufsätze über Wasser und Schwimmen und Schreiben schreibt, versteht sich da von selbst.
Auffallend ist auch, beim Roman „Vom Wasser“ ebenso wie beim Roman „Houwelandt“: dass von Düffel immer wieder Familiengeschichte als spannungsvolle Generationengeschichte thematisiert, dass er in einer Zeit, in der wir über Kindermangel und Familienpolitik diskutieren, immer wieder erzählerisch belegt, was es bedeuten kann, ein individuumübergreifendes, ja generationenübergreifendes Leben zu führen.
Der Verfall von Familien, die gestörte Beziehung zwischen Vater und Sohn, die egoistische Konzentration des Einzelnen auf Körperfitness und Karriere, die Einsamkeit des Menschen noch im Generationenverband - breit und vielfältig ist das Themenspektrum in Düffels epischem Werk, und erst recht das Gesamtwerk. Denn neben nunmehr fünf Romanen und Erzählungen hat er auch ein umfangreiches Werk dialogischer Texte geschrieben: mehr als zwei Dutzend Theaterstücke mehr als ein Dutzend Hörspiele, nicht zu vergessen etliche Übersetzungen und Bearbeitungen.
Kein Wunder, dass von Düffel zu den produktivsten Gegenwartsautoren gezählt wird, dass er als eine der ganz seltenen literarischen Doppelbegabungen gilt, als Theaterautor ebenso erfolgreich wie als Prosaautor. Er ist einer der meistgespielten zeitgenössischen Dramatiker im deutschen Sprachraum, derzeit tätig als Dramaturg am Thalia Theater in Hamburg , wie zuvor in Oldenburg, Basel und Bonn. Das, worauf er als Prosaautor eher verzichtet, kennzeichnet die Theaterstücke: Dialoge und direkte Gesellschaftskritik. „Im Theater geht es immer von einem Augenblick zum nächsten“, hat Düffel einmal gesagt, „im Roman kann man die Zeit anhalten und einen Augenblick mehrfach spiegeln“. Die Theaterstücke thematisieren Familienterror und Kleinbürgerlichkeit, das Kommunikations-Chaos in Partnerschaft und Gesellschaft. Sie greifen, ausgehend von aktuellen Ereignissen wie dem Brandanschlag von Solingen, politische Phänome wie Rechtsextremismus oder Terrorismus auf oder spielen einfach mit dem Theater und seinen aktuellen Möglichkeiten.
Düffels jüngste Erzählung „Hotel Angst“ führt wieder in Richtung Vergangenheit, erinnert mit einem mondänen Prachthotel der Jahrhundertwende zugleich an einen Vater und führt an die italienische Riviera, womit sich der Wasser-Kreislauf wieder schließt.
Es war Wasser auf meine Mühlen, als Frau von Westerholt vor etlichen Monaten anfragte, ob man nicht einmal John von Düffel in die Eifel einladen solle. Ich bin dem sehr gerne nachgekommen und bedauere lediglich, dass Schloss Hamm kein Wasser-Schloss ist, mit liquider Korrespondenz zum nahegelegenen Stausee...
Herzlich willkommen also in der Eifel, beim 7. Eifel-Literatur-Festival 2006, erstmals auf Schloss Hamm - herzlich willkommen John von Düffel.