Von April bis Oktober 2016

Einführungsrede zu Daniel Kehlmann


Meine sehr geehrten Damen und Herren,
die Kritiker überschlugen sich vor Begeisterung:
Vom „Alterswerk eines jungen Schriftstellers“ und von einem „Geniestreich“ sprach die „Frankfurter Rundschau“, von der „größten Begabung der jüngeren deutschen Literatur“ die Süddeutsche Zeitung.
Der „erfolgreichste“, der „bedeutendste“, der „begabteste“, „ein Wunderkind der deutschen Literatur“: den Kritikern scheint jeder Superlativ recht, um Daniel Kehlmann zu feiern - erst recht nach seinem jüngsten Bestseller-Roman „Die Vermessung der Welt“.
Was die Literaturkritiker begeistert und auch die Leser und Büchhändler jubeln lässt, ist gerade mal im September 2005 erschienen - und doch schon mehr als 500.000 mal verkauft, seit mehr als 30 Wochen Spitzenreiter aller Bestseller-Listen, wo er „Harry Potter“ vom Thron stieß.
Und auch der jüngsten deutsche Literaturgeschichte von Volker Weidermann, vor wenigen Wochen erschienen, gilt Kehlmann als „der Mann der Zukunft“: „Unter den Jungen sicher der mit dem größten erzählerischen Potenzial, dem größten Fleiß, der größten Stilsicherheit“ urteilt Weidermann in seinem Buch „Lichtjahre“, das ein Wegweise durch die jüngste Epoche der deutschen Literatur sein möchte.
Ein Mann mit Zukunft ist Daniel Kehlmann, aber auch einer mit einer bereits erfolgreichen Vergangenheit.
Gerade 19 Jahre war Kehlmann alt, als er seinen ersten Roman zu schreiben begann: „Beerholms Vorstellung“, 1997 erschienen. Da war Kehlmann, Jahrgang 1975, gerade mal 22 Jahre alt. Und schon sprach man von einem „beeindruckenden Romandebüt“ eines „sehr jungen Autors“, von einem „Fall von früher Meisterschaft“.
Und die Helden, die Kehlmanns Romanwelten bevölkern, scheinen ebenso genial wie sein Autor.
Figuren sind es, die versuchen, die Wirklichkeit zu überwinden, unendliche Räume zu öffnen.
Da ist der Zauberkünstler Arthur Beerholm, dem die Trennlinien zwischen Magie und Wissenschaft verschwimmen und der auf dem Höhepunkt seiner Kunst aufhört, weil er glaubt, eines Tages an die eigenen Wunder zu glauben.
Da kämpft - im Roman „Mahlers Zeit“ (1999 erschienen - Kehlmann ist da gerade mal 24 Jahre alt) - da kämpft im Roman „Mahlers Zeit“ der junge Physiker David Mahler um die Aufhebung von Zeit und Vergänglichkeit - doch die Wissenschaft erkennt sein Genie nicht an.
Seinen internationalen Durchbruch erzielte Kehlmann mit seinem vierten Roman „Ich und Kaminski“, 2003 erschienen und von Marcel Reich-Ranicki in Elke Heidenreichs ZDF-Sendung „Lesen!“ den Lesern leidenschaftlich nahegelegt: „Ich empfehle Daniel Kehlmann unbedingt. Intelligenz, Beobachtungsgabe und fabelhafte Dialoge“ jubelte der Kritikerpapst über den Roman, mit dem Kehlmann eine amüsante Parodie des Kunstbetriebs schrieb. Ein Duell zwischen dem ehrgeizigen Kulturjournalisten und Biographen Sebastian Zöllner und dem in Vergessenheit geraten greisen Maler Manuel Kaminski. Wie sich beide gegenseitig listig übertölpeln und benutzen, das wird ansteckend lustvoll und hinreißend erzählt.
„Ich und Kaminski“ wurde der größte internationale Bucherfolg eines jungen deutschen Autors seit langer Zeit, in zwölf Sprachen übersetzt - übertroffen nur noch von Kehlmann selber: von seinem bislang letzten Buch „Die Vermessung der Welt“. Da verabschiedet sich Kehlmann scheinbar aus der Gegenwart, da erzählt er - mit Volker Weidermann gesprochen - das Leben des größten deutschen Mathematikers Carl Friedrich Gauß und des größten deutschen Forschungsreisenden Alexander von Humboldt als parallele Welterforschungsgeschichten.
Daniel Kehlmann wurde 1975 in München geboren und lebt seit seinem sechsten Lebensjahr in Wien. Gelegentlich trifft man ihn wohl in Madrid, wo seine spanische Freundin lebt und arbeitet. Bei einem Aufenthalt in Mexiko, als Gast der österreichischen Botschaft, kam ihm die Idee zu einem Humboldt-Roman. Überall erinnerten Gedenksteine und Straßennamen an den dutschen Weltreisenden. Kehlmann war begeistert von Humboldts Reisen und davon, dass sich dieser Mann, der Form und Haltung wie kaum ein Zweiter repräsentierte, sich in die Welt begab: in den Schmutz, zu den Menschenfressern, in die Sümpfe des Amazonas, auf menschenunbekannte Höhe, zu aktiven Vulkanen. Kein Geheimnis am Wegesrand, das Humboldt, der besessene Weltvermesserund Wahrheitsforscher, unerforscht lassen konnte. Und über den Mathematiker Gauß, das Rechengenie ohne jeden Reiseehrgeiz, zuhause in der Welt der Sternbeobachtung, des Formelwissens, der Gedankenreisen, kaum einmal die Gelehrtenstube in Göttingen verlassen, über Gauß hatte Kehlmann schon lange schreiben wollen. Und jetzt unternimmt er es, in einer Art Doppelbiografie - humorvoll, unterhaltsam, virtuos.
Ich heiße herzlich willkommen beim 7. Eifel-Literatur-Festival 2006, in der Marienschule zu Euskirchen den literarischen Welterforscher und Weltvermesser - Daniel Kehlmann. -