Von April bis Oktober 2016

Einführungsrede zu Frank Schätzing

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
ich sehe ihn noch vor mir, an Weihnachten 2004:
den mächtigen Leseziegel, ein-tausend Seiten stark.
Auf schwarzem Grund ein ozeanblaues Auge mit tiefschwarzer Pupille - oder doch eher ein schwarmartiges Gewimmel um einen düsteren Meeresgrund herum?
Aus weißen Klappentextbuchstaben stiegen ozeanische Rätsel auf: Fischer verschwinden, hochgiftige Quallen belagern Küsten, Wale verhalten sich ungewohnt aggressiv.
Und am Grund der norwegischen See graben sich zu Millionen seltsame Würmer mit gewaltigen Zangenkiefern ein.
Das Leben im Meer, so erfahren wir, wendet sich gegen den Menschen.
Eine Katastrophe dämmert herauf aus den Tiefen der Ozeane.
Das Meer scheint voller Ungeheuer.
Und der Mensch, der vermeintlich souveräne Herrscher über den Planeten, steht womöglich vor dem großen Aus.
Mein erstes Blättern in jenen Weihnachtstagen 2004, ich weiß es noch genau, mein erstes neugieriges Blättern führte zu einem Zufallsgriff.
„Tsunami“ hieß die fettgedruckte Überschrift fast in der Mitte des Buchs, auf Seite 405 - „Tsunami“, ein Wort, unerhört neu und fremd für mich zu dieser Zeit, ein Wort japanischer Fischer, „Welle im Hafen“.
Erzeugt in der Tiefe des Meeres, eine Schockwelle,
- die sich mit rasender Geschwindigkeit unterhalb der Meeresoberfläche fortpflanzt,
- die sich bei Erreichen einer Küstenregion zu einer riesigen Springflut auftürmt - und Tod und Verderben bringt.
Frank Schätzings literarisches Tsunami-Szenario wurde in jenen weihnachtlichen Lesetagen grausame Wirklichkeit.
Denn am 26. Dezember 2004, Deutschland und die Welt lagen noch im Weihnachtsfrieden, am 26. Dezember 2004 tötete ein Tsunami im Indischen Ozean, in zwölf Anrainerstaaten mehr als 150.000 Menschen.
Die größte Naturkatastrophe seit Menschengedenken, ein Seebeben mit der Sprengkraft von vielen tausend Atombomben.
Es verwandelte ein vermeintliches Paradies, das so viele Touristen dem winterlichen Wetter vorgezogen hatten, in eine Hölle.
Frank Schätzing-Leser wussten mehr in jenen Tagen, ihnen blieb diese schreckliche Zerstörungswelle in Asien nicht das „unverständliche“ Unglück.
„Mama, lauf weg. Das ist ein Tsunami! Das hab ich bei Frank Schätzing gelesen!“ Legendär geworden sind solche Ausrufe, in den Medien auf und ab zitiert etwa von Kindern, die ihre Eltern warnen und so ihr Leben retten konnten, dank der Lektüre von Schätzings Thriller „Der Schwarm“.
- Dass Lesen ganz elementar und konkret Leben retten kann,
- dass Lesen helfen kann, das geradezu übermächtige
Wüten einer Naturgewalt zu verstehen,
- dass Lesen allzu gern verdrängte Wahrheiten bewusst
zu machen versteht, etwa die Tatsache, dass der
Mensch immer schon und von jeher auf
einem Vulkan tanzt, der nicht zur Ruhe gekommen ist
und der eines Tages alles und alle in den Untergang
treiben kann,
das, auch das, hat die Lektüre von Schätzings fesselndem Thriller „Der Schwarm“ gerade auch in jenen Katastrophentagen millionenfach bewusst gemacht.
Und auch, wie faszinierend es sein kann,
- immense wissenschaftliche Recherchen von Jahren mit dem Zauberstab der Erzählkunst in einen packenden Thriller zu verwandeln
Heute, in diesem Maitagen des Jahres 2006, überblicken wir längst und zahlengenau die Erfolgsgeschichte des „Schwarms“:
- Rund 2 Millionen Exemplare beträgt derzeit die Gesamtauflage, davon
etwa 1 Mio. als Hardcover, und 1 satte Mio. bereits als Taschenbuch;
- rd. 20 Lizenzen sind vergeben von Russland bis Amerika;
- der Filmvertrag mit Hollywood ist unterschriftsreif bzw. bereits unterschrieben;
- und im Sog des Schwarms wurden gleich auch Schätzings frühere Thriller und Kriminalromane an die Bestsellerspitzen gespült: der Polit-Thriller „Lautlos“ und der historische Köln-Krimi , „Tod und Teufel“. Und das aktuelle Schätzing-Buch, „Schwarmes Bruder“ gewissermaßen, das Sach-Buch „Nachrichten aus einem unbekannten Universum. Eine Zeitreise zu den Ozeanen“, im März erst herausgekommen mit einer Startauflage von 250.000 Exemplaren, das ist von einer riesigen, fast schon tsunami-verdächtigen Verkaufswelle auf Platz der „Spiegel“-Bestsellerliste „Sachbücher“ gepuscht worden.
Selten wohl dürften die Ozeane so viel Geld in Verlagskassen gespült haben...
Denn Frank Schätzing ist unbestritten der derzeit erfolgreichste Autor in Deutschland.
Ein Thriller-Autor von internationalem Rang ist er, in einem Atemzug zu nennen mit weltweit bekannten
Thriller-Stars wie Michael Crichton, Autor von „Jurassic Park“ oder Dan Brown, Autor von „Das Sakrileg“ bzw. dem „Da-Vinci-Code“, der sich nun anschickt, die Kinos zu erobern.
Vom Mega-Bestseller zum Blockbuster, das wird sicher auch dem „Schwarm“ gelingen.
Und das azurblaue Auge mit schwarzem pupillenartigem Grund - oder doch eher das schwarmartige Gewimmel um einen düsteren Meeresgrund herum - schon leuchtet es wieder, jetzt auf weißem Grund. Und wieder ist es ein Ziegel geworden, von mehr als 500 Seiten - und doch ein bescheidenes Maßgefäß für eine Chronik der Meere und unserer Herkunft, für eine Zeitreise durch 13, 7 Milliarden Erdgeschichte.
Keinen Roman, sondern ein Sachbuch hat Frank Schätzing geschrieben - und doch wieder einen Thriller. Nicht nur, weil Naturgeschichte für Schätzing überhaupt ein beispielloser Thriller ist.
Sondern auch, weil hier ein Autor geradezu zelebriert, wie spannend, anschaulich, witzig und unterhaltsam die Vermittlung selbst schwierigster ozeanologischer Fakten sein kann.
Die hohe Kunst, im unterhaltsamen Plauderton die ozeanologischen Tiefen von Raum und Zeit zu durchschreiten,
faktenfundierte Wissenschaft mit professionellem Entertainment zu verknüpfen,
Erdgeschichte, Meeresgeschichte, Menschheitsgeschichte in grandiosen Geschichten packend zu erzählen - hier wird sie zum Buchereignis.
Und zur eindrucksvollen Antwort Schätzings auf leidvolle Erfahrungen mit schulischer Vermittlung, die über Langeweile und Unverständlichkeit, missverstanden als Seriösität, eher selten hinauskam.
Da versteht es sich von selbst, dass sich ein so kreatives Multitalent wie Frank Schätzing, Autor nicht nur, sondern auch Werbefachmann, Musiker und mehr (mit „h“ geschrieben) - sich nicht mit einer konventionellen Lesung begnügt und zum Buchereignis das Medienereignis zaubert.
Mit Schätzings Worten: „am Tischlein mit Leselämpchen sitzen und einen Text vorzumurmeln, das kann’s nicht sein“.
Der Sachstoff als Thriller, Wissensvermittlung als packender Erzählprozess- das darf gerne Schule machen, schon heute Abend im Eifel-Gymnasium zu Neuerburg.
Herzlich willkommen beim 7. Eifel-Literatur-Festival 2006, der literarische Magier der Meere, Frank Schätzing.