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Bitburg im Caroline-Wahl-Fieber: Emotionaler Start in eine neue Ära des Eifel-Literatur-Festivals
Es war ein Abend zwischen Gedenken und Aufbruch. In der restlos ausverkauften Stadthalle Bitburg feierte das 17. Eifel-Literatur-Festival eine Premiere, die emotionaler nicht hätte sein können: den ersten Festival-Auftakt ohne Gründer Dr. Josef Zierden – und gleichzeitig den fulminanten Start einer neuen Generation.
Bitburg. 874 Stühle, kein einziger frei. Die Luft in der Stadthalle vibriert schon vor dem ersten Wort. Doch bevor der Star des Abends die Bühne betritt, gehört der Moment der Erinnerung. Kulturstaatssekretär Prof. Dr. Jürgen Hardeck findet bewegende Worte für den im Oktober verstorbenen Festivalmacher Dr. Josef Zierden. Er nimmt das Publikum mit zurück zur Geburtsstunde der Festival-Idee und nennt das Event ein „großes Geschenk für die Menschen in der Eifel“.
Dass dieses Geschenk weiterlebt, ist nun Dr. Johannes Zierden zu verdanken. Der Sohn des Gründers übernimmt das Mikrofon sichtlich bewegt, würdigt das Lebenswerk seines Vaters und verteilt eine gedruckte Hommage an die Zuschauer – ein bleibendes Stück Erinnerung mit Stimmen von Weggefährten aus Politik, Wirtschaft und Kultur. Erst nach einer Schweigeminute, in der man die sprichwörtliche Stecknadel hätte fallen hören können, wird es Zeit für den Szenenwechsel.
„Da hatte Bitburg mich“
Caroline Wahl kommt auf die Bühne, blickt in die Menge und ihr entfährt ein ehrliches: „Wow, ganz schön viele Leute hier!“ Die 31jährige Bestseller-Autorin hat geschafft, was viele Veranstalter sich wünschen, ein deutlich jüngeres, überwiegend weibliches Publikum in die Stadthalle zu locken. Mit ihrem lockeren Charme knüpft sie sofort einen Draht. Bitburg? Kannte sie bisher nur als Bier. Doch nach der Legende vom „Geesestrepper“, die man ihr auf der Hinfahrt erzählt hatte, stand fest: „Da hatte Bitburg mich.“
Zwischen Verlags-Wahnsinn und Kati Hummels
Im Gepäck hat sie ihren neuen Roman „Die Assistentin“, die Geschichte einer jungen Frau, die mit von den Eltern geschürten Hoffnungen auf Karriere in einem Münchner Verlag anheuert. Protagonistin Charlotte, so leitet Wahl ein, würde zwar nicht in Bitburg leben wollen, weil sie eigentlich vom Meer träume. Doch davon lässt sich das Publikum nicht beirren, es fühlt und lacht mit, als Wahl von Charlottes bizarrem Vorstellungsgespräch im Verlag liest – einer von der Romanheldin als Castingshow und Fehlentscheidung empfundenen Situation.
Wahl liest nicht nur, sie performt. Immer wieder unterbricht sie sich selbst, kokettiert herrlich offen mit ihrem eigenen Ehrgeiz. Einen absurden Dialog zwischen Charlotte und ihrem Chef, dem Verleger, kommentiert die Autorin: „Das ist dumm, deshalb habe ich wahrscheinlich den Buchpreis nicht gekriegt – aber den kriege ich noch!“ Das Publikum liebte diese entwaffnende Ehrlichkeit. Ob sie über die Instagram-Stories von Cathy Hummels frotzelt: “Das ist gar nicht gemein gemeint, wir gucken doch alle die Stories der Leute, die wir halb belächeln“, oder über ihre eigene Reichweite spricht – Wahl ist die Stimme der Generation Z, die genau weiß, was sie will.
Ernsthafter Kern hinter lockerer Fassade
Bei allem Humor und aller Pointierung bleibt der Kern des Abends tiefgründig. Mit der Figur des Verlegers zeichnet Wahl ein beklemmendes Bild von modernem Machtmissbrauch, der knapp an der Grenze des Justiziablen kratzt und die Romanheldin als junge Assistentin krank macht. Sie lässt ihn in der Lesung aber nicht persönlich auftreten: “Ich habe keinen Bock auf den". Dafür thematisiert die Autorin ihre literarische „Sperrigkeit“, die ihre Leser polarisiere. Plötzlich habe sich eine allwissende Erzählstimme eingeführt, die „mega nervig“ sei. Mit einem schelmischen Lächeln erklärt sie diesen literarischen Kniff als Notwendigkeit: Sie habe sie zur Ordnung ihrer eigenen Gedanken gebraucht. Und dann folgt prompt ein kleiner Werbeblock: Der nächste Roman ohne nervige Erzählstimme, dafür mit Schauplatz in den Bergen, erscheint am 28. August.
Abend, der Mut macht
In der abschließenden Fragerunde mit Dr. Johannes Zierden wird es noch einmal persönlich. Wahl gibt zu, das Verlags Milieu auch aus „Faulheit“ gewählt zu haben, weil sie sich dort auskenne. Sie wolle zeigen, dass Charlottes Geschichte kein Einzelschicksal ist. Es berühre sie sehr, dass viele junge Frauen persönlich auf sie zukämen, um zu bestätigen, dass sie ähnliches erlebten. Besonders freue sie, dass ihre Texte anderen Mut machten. Der literarische Erfolg habe ihr Leben verändert, einen normalen Job über Jahrzehnte auszuüben, hätte sie sich nicht vorstellen können. “Es ist toll, dass ich von etwas leben kann, das sich gut und richtig anfühlt.”
Das Fazit: Ein begeisternder Abend, der bewies, dass das Eifel-Literatur-Festival unter der Leitung von Dr. Johannes Zierden in besten Händen ist. Der Generationenwechsel ist geglückt – auf der Bühne und im Publikum. Ein Auftakt nach Maß!
Anke Emmerling
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