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22.03.2026

Lachtränen und Gänsehaut: Joachim Meyerhoff bietet in der Stadthalle Bitburg ein Wechselbad der Emotionen

Joachim Meyerhoff

Knapp 900 Menschen dazu zu bringen, gleichzeitig die Luft anzuhalten, um kurz darauf in schallendes Gelächter auszubrechen; dieses Kunststück ist dem Autor, Schauspieler und Regisseur Joachim Meyerhoff gelungen. Beim 17. Eifel-Literatur-Festival sorgte der Ausnahmekünstler in der restlos ausverkauften Stadthalle Bitburg für einen Abend, der noch lange nachhallen wird.

Bitburg. Wieder erlebt die Stadthalle Bitburg im Rahmen des Eifel-Literatur-Festivals einen riesigen Besucherandrang. 874 Literaturbegeisterte hat die Aussicht, den vielfach ausgezeichneten Joachim Meyerhoff zu erleben, hierher gezogen. Entsprechend herzlich fällt ihre Begrüßung aus, in der sich freudige Erwartungen offenbaren. Und die werden mehr als erfüllt.

Joachim Meyerhoff, der einerseits auf eine Karriere als gefeierter Schauspieler - unter anderem am Burgtheater Wien - und andererseits auf große schriftstellerische Erfolge zurückblickt, liest aus seinem neuesten Buch: „Man kann auch in die Höhe fallen“. Es ist der sechste Band seines autobiografischen Zyklus „Alle Toten fliegen hoch“.

Fluchtpunkt Mutter: Heimaturlaub in Krisenzeiten

Die Geschichte, die er darin erzählt, ist seine eigene und beginnt zum Zeitpunkt einer persönlichen Krise. Der Schauspieler war mit 50 Jahren durch einen Schlaganfall jäh aus seinem gewohnten Leben gerissen worden und hatte versucht, anschließend in Berlin neu durchzustarten. Doch, so berichtet er mit augenzwinkernder Ironie, sei er krachend damit gescheitert. Stets gereizt sei er in Angst und Langeweile “vor sich hin implodiert”, Berlin habe zudem wie ein Säurebad auf ihn gewirkt. Die Folge: eine Schreibblockade.

In dieser elenden Lage flieht er als mittlerweile 56-jähriger ins ländliche Schleswig-Holstein. Das Ziel: die Mutter. 86 Jahre alt, topfit und pragmatisch bis in die Haarspitzen.

Buchcover: Man kann auch in die Höhe fallen

Die erste Passage, die Meyerhoff liest, beschreibt die Ankunft im Heimatbahnhof und gerät zu einer Tour de Force für die Lachmuskeln. Die Mutter empfängt ihren Sohn als unkonventionelle Erscheinung, gebräunt, im leichten Sommerkleid und Döner kauend. Sie fackelt nicht lang, packt den Gestrandeten ins Auto und beschert ihm eine so rasante Rallye-Erfahrung, dass ihm gleich erstmal schlecht wird. Doch der Schlingerkurs führt zu dem Ort, der wie kein anderer alle Voraussetzungen bietet, um zu gesunden: Eine Reetdach Idylle mit parkähnlichem Grundstück führt Meyerhoff zurück zu seinen Wurzeln, ist Heimat, Geborgenheit, Kraft- und Inspirationsquell. Das aber vor allem, weil hier eine starke Persönlichkeit Regie führt: Die Mutter, die verwegen genug ist, nachts aufs Schuppendach zu klettern, um mit ihrem Sohn Sterne zu betrachten und sofort danach mal eben im Nachthemd die Dachrinne zu säubern - weil sie ja schon mal oben ist. Oder die Mutter, die stark und beherzt mit einer Fußreflexzonenmassage alles Elend aus dem Körper ihres Sohnes vertreibt, so dass dieser sich fühlt wie nach einem Exorzismus. So urkomisch das alles erzählt ist, so berührend ist es auch, denn die Mutter vermittelt nicht nur dem Sohn, sondern uns allen wichtige Lektionen. Eine sehr elementare lautet: Das Bild der eigenen Lebensgeschichte hängt einzig und allein davon ab, wie Ereignisse und Handlungen betrachtet werden, als Erfolg oder als Scheitern.

Ein literarisches Feuerwerk mit Bühnen-Power und Tiefgang

Man merkt Meyerhoff in jeder Sekunde seine enorme Bühnenerfahrung an. Angelegt als klassische Lesung wirkt sein Auftritt doch als Performance. Denn bei temporeichen, skurrilen Passagen fliegen die Worte nur so durch den Saal; wird es dramatisch, hebt er die Stimme und zieht die Zuschauer förmlich in den Text hinein. Er knipst das Kopfkino an. Seiner Dramaturgie und seinem Rhythmus kann sich niemand entziehen. Die Menschen hängen an seinen Lippen, lachen und fühlen mit.

Besonders gut kommen Abschweifungen an, mit denen Meyerhoff unter anderem ein persönliches Bekenntnis zur Legasthenie ablegt. Und schon hier greift die Lektion seiner Mutter zur Perspektive der Betrachtung. Denn sehr überzeugend erklärt der Autor, dass er das, was für viele ein Hindernis ist, als kreativen Turbo feiern kann: Es erlaube ihm, in völlig verschiedene Richtungen gleichzeitig zu denken. In diesem Zusammenhang unternimmt er auch einen Exkurs zum Begriff der Konfabulation. Er beschreibt das Phänomen fiktiver Konstruktionen, um einer eigentlich unerklärlichen Handlung im Nachhinein einen Sinn zu geben. Diese entwaffnende Ehrlichkeit über so eigene wie menschlich universelle Eigenheiten kommt beim Bitburger Publikum hervorragend an. Meyerhoff macht sich verletzlich – und genau das macht ihn so stark.

Das Fazit: Selten war nach einer Lesung ein so gewaltiger Applaus zu erleben. Meyerhoff hat gezeigt, wie nah sich Humor und existenzielle Tiefgründigkeit sein können. Er hat einen im besten Sinne unterhaltenden Abend gestaltet, der Mut macht, auch die eigene Geschichte einmal aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

Anke Emmerling

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