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Sternstunde für die Seele: Stefanie Stahl begeistert in Bitburg
Bitburg. Ein Heimspiel der besonderen Art zog mehr als 900 Besucherinnen und Besucher in die Stadthalle Bitburg. Zu seiner vierten, erneut ausverkauften Lesung begrüßte das Eifel-Literatur-Festival Stefanie Stahl, Wahl-Triererin und die wohl bekannteste Psychotherapeutin Deutschlands. Sie unternahm mit ihrem Publikum eine spannende Reise durch die Psyche. Dabei erklärte sie deren Funktionsweise und gab wertvolle Hinweise zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbst.
Auftakt mit einer Weltpremiere
Der brandende Applaus, der Stefanie Stahl empfängt, gilt nicht nur der Frau, die sich als "Wahlbeheimatete und damit schlimmste Patriotin” der Region outet, sondern vor allem einer prominenten Ratgeberin und Bestsellerautorin. Ihr mehr als drei Millionen Mal verkauftes Schlüsselwerk “Das Kind in dir muss Heimat finden" war für Leserinnen und Leser in 36 Ländern der Erde Inspiration und Hilfestellung zur Beschäftigung mit der eigenen Psyche. Seit 2017 steht es ununterbrochen an der Spitze der Spiegel-Sachbuch-Bestsellerliste und soll auch den Kern des heutigen Abends bilden.
Doch zuvor wartet Stefanie Stahl mit einer Überraschung auf: Zum ersten Mal liest sie aus ihrem noch unveröffentlichten neuesten Werk “Ich erkläre Ihnen das mal psychologisch". In dem im September erscheinenden Essay-Band widmet sie sich psychologischen und gesellschaftlichen Themen, zum Beispiel dem “Hype um die Psyche”. Im ersten Kapitel analysiert sie treffend den boomenden “Psychomarkt”. Leichtfertig und oberflächlich verbreiteten sich vor allem in Social Media Schlagworte wie Trauma, Burn Out, Narzissmus, Trigger oder toxische Beziehung. Das diene vielfach unseriöser Geschäftemacherei, warnt sie.
Dennoch sei sie froh, dass auf diese Weise die Psychologie ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücke, denn: “Psyche, das sind wir, wenn wir Gefühle und Gedanken nicht in den Griff bekommen, beeinflusst das Beziehungen, Arbeitsumfeld oder schlimmstenfalls ganze Nationen”. Daher sei die Beschäftigung mit der Psyche eine gesellschaftliche und politische Notwendigkeit. Schließlich sei der reflektierte Mensch der bessere Mensch und inspiriere andere, es ihm gleich zu tun.
Einblick in den Bauplan der menschlichen Psyche
Doch auf welcher Basis kann Selbstreflektion ansetzen? Darauf antwortet Stefanie Stahl mit Vortrag, der sich aus Inhalten ihrer Bestseller speist, logisch aufgebaut, in verständlicher Sprache gehalten und mit praktischen Beispielen unterfüttert ist. Zunächst geht es um den Bauplan der Psyche, Grundzüge, die allen Menschen gleich sind. An erster Stelle nennt die Psychologin das Bedürfnis nach Bindung und Zugehörigkeit, an zweiter das nach Anerkennung. Die wichtigste Größe für unser Gehirn sei Sicherheit. Nur, wenn wir uns sicher fühlten, referiert Stefanie Stahl, sei es uns möglich, zu funktionieren, Bindungen einzugehen und kreativ zu sein. In diesem Zusammenhang nennt sie den Begriff "Urvertrauen", das Gefühl, die Zuwendung anderer wert zu sein. Zu den psychologischen Grundbedürfnissen gehöre ferner das Streben nach Autonomie und Kontrolle, die Gewissheit, etwas bewirken zu können. Hier lauere ein grundsätzlicher Konflikt in unserem psychischen Leben: Verlieren wir die Kontrolle, fühlen wir uns bedroht und haben Angst. Diese wiederum führt zu Stress, der unsere Sicherheit erschüttert.
Muster und Prägung

In solchen Stresssituationen, in denen es darum geht, die Sicherheit und damit das emotionale Gleichgewicht wiederherzustellen, reagieren wir mit Mustern, die uns meist gar nicht bewusst sind, erklärt Stefanie Stahl. Am Beispiel eines jungen Mannes, der mit einem Wutausbruch auf ein eigentlich nichtiges Versehen seiner Freundin reagiert, veranschaulicht sie, dass es hier nicht um Realität, sondern ein tiefer wurzelndes Problem geht. Als Kind litt der Mann unter fehlender Zuwendung seiner Eltern, bekam allenfalls Aufmerksamkeit, wenn er schrie. Das hat sich in seiner Psyche eingeprägt und als Mechanismus verfestigt. Wenn er nun eine ähnliche Kränkung verspürt, spult sich das eingeprägte Programm automatisch ab.
So oder ähnlich trage jede und jeder von uns die Prägung eines inneren Kindes in sich, mit Schattenseiten, die für Blockaden, Ängste, verzerrte Wahrnehmungen oder auffällige Verhaltensweisen sorgten. Wir entwickelten daraus zudem Selbstschutzstrategien, die oft großen Schaden anrichteten, sei es übersteigertes Perfektions- oder Machtstreben. Aber es gebe auch Sonnenseiten, “Schatzstrategien”, die aktiviert werden können, um zu mehr Selbstwertgefühl zu kommen.
Ertappen und Umschalten
Stefanie Stahl schließt ihren Vortrag mit gutem Rat: Der Schlüssel dazu, alte Muster aufzubrechen und sich damit aus der Steuerung durch das eingeprägte Programm zu befreien, sei die Selbstreflektion und die “radikale Akzeptanz” unserer - auch negativen - Gefühle. “ Von draußen drauf gucken und erkennen, das ist alt” benennt sie das Credo und bilanziert: “ Die Psyche ist nicht das Problem, sondern ein Kompass, den wir lesen lernen müssen. Dann sind wir die besseren Menschen, die diese Welt mitgestalten.”
Viel Beifall, bestätigendes Kopfnicken und zahlreiche interessierte Nachfragen zeigen, dass die Autorin den Nerv ihres Publikums getroffen und vielen Menschen Impulse und Diskussionsstoff mit auf den Weg gegeben hat.
Anke Emmerling
