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Einführungsrede von Dr. Josef Zierden zu Daniel Kehlmann

24. September 2021 in Bitburg

Dr. Josef ZierdenMeine sehr geehrte Damen und Herren,

2006, 2014 und 2021: Daniel Kehlmann, Erzähler von Weltrang, ist heute Abend bereits zum dritten Mal Gast des Eifel-Literatur-Festivals.

19. Mai 2006 in Euskirchen, in der Marienschule: Da präsentierte Kehlmann den historischen Roman „Die Vermessung der Welt“. Der war damals mehr als 30 Wochen Spitzenreiter auf allen Bestsellerlisten und  mehr als 500.000 mal verkauft. Eine Art Doppelbiographie der beiden Wissenschaftler Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß - humorvoll, unterhaltsam, virtuos. Heute wissen wir: Dieser Roman wurde einer der größten Erfolge der deutschen Nachkriegsliteratur. Bis heute in 50 Sprachen übersetzt, weltweit mehr als 6 Millionen mal verlegt.

Wittlich, Eventum, am 6. Juni 2014, vier Festivalauflagen weiter: Da las Daniel Kehlmann aus seinem sechsten Roman, unscheinbar schlicht oder geheimnisvoll knappt betitelt mit dem Buchstaben „F“. Für viele war das der wichtigste Buchstabe des Bücherherbsts 2013. Ein einziger Buchstabe, eine Chiffre: die stehen kann für Familie, für Fälschung, für Finanzkrise, für Fatum, für Fiktion. Als Schwindler und Hochstapler sind alle fiktiven Figuren des Romans potenzierte Meister der Fiktion - und erst recht ist es der Autor, der geradezu berühmt ist für sein poetisches Zauberspiegel mit Imagination und Wirklichkeit.

Und jetzt, am 24. September in der Bitburger Stadthalle: Da kehrt Daniel Kehlmann mit dem Buch „Tyll“ des Jahres 2017 zum historischen Roman zurück.

Er versetzt den spätmittelalterlichen Gaukler und Narren Tyll Eulenspiegel in die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts, in die schlimme Zeit des 30 jährigen Krieges, des längsten Krieges auf deutschem Boden. In einen Krieg mit neuen Dimensionen des Grauens, des Schreckens und der Gewaltexzesse, die Deutschland zunehmend verwüsteten.

In einen Krieg, in dem die Religion, in dem die konfessionellen Gegensätze für machtpolitische Zwecke instrumentalisiert worden sind etwa im Kampf von Kaiser und Landesfürsten.

In einem Krieg, in dem, in Relation zur Gesamtbevölkerung, die Opferzahl höher gewesen ist als die des Zweiten Weltkriegs.

 

Wobei Tyll im barocken Figurenreigen des Romans nur das Bindeglied ist, mit dem Kehlmann seine Episoden und Geschichten aneinanderreiht.

Aus vielen einzelnen Perspektiven erzählt, ohne festen Erzähler gar aus allwissender Überschau. 

Nicht chronologisch oder linear erzählt, sondern eher anachronisch, mit Umstellungen und Sprüngen in der historischen Zeitenfolge.

Mit erzählerischen Schlaglichtern auf den Kriegsalltag der einfachen Leute in den Dörfern und Städten, auf Irrwege zeitgenössischer Gelehrsamkeit und auf den kümmerlichen Hofstaat des protestantischen Kurfürsten Friedrich V. von der Pfalz und seiner Frau Elisabeth Stuart, wegen der äußerst kurzen Herrschaftszeit in Böhmen als „Winterkönig“ und „Winterkönigin“ verspottet - längst ohne Land und heruntergekommen.

Dem Chaos und der Brüchigkeit der Welt gilt Kehlmanns Erzählinteresse, der existenziellen Verunsicherung der Menschen und der Hinfälligkeit noch historischer Größen.

Eine dunkle, gärende, irrationale Zeit entfaltet sich, in der mit Folter und Vorurteil angebliche Hexen und Teufelsbündler gejagt und gehängt werden. In der sich Wissenschaftler auf Drachensuche begeben, um mit Drachenblut die Pest zu eilen.

Allen Brandschatzungen, Verwüstungen und allem massenhaften Sterben aber trotzt Tyll Ulenspiegel, eine legendäre Berühmtheit als Vagant, Entertainer und Provokateur, als Narr, Jongleur, Seiltänzer, Bauchredner, Schauspieler, Balladensänger und Erzähler, kurzum: als Künstler! Der den Mächtigen im Schutz der Narrenkappe die Wahrheit sagt. Der noch den einfachsten Menschen eine Ahnung vermittelt von der möglichen Leichtigkeit des Seins, davon, „wie das Leben sein kann für einen, der wirklich tut, was er will, und nichts glaubt und keinem gehört“. 

Der aber auch etwa mit den Schuhchaos Streit, Wut und Schlägereien provoziert, die Menschen also manipuliert und sie für ihre Gutgläubigkeit auch noch verspottet. Und wie immer, wenn es eng wird, flüchtet Tyll und taucht unter. Immer wieder, unsterblich oft.

„Brillant“, „meisterlich“: die Literaturkritik zeigte sich seinerzeit begeistert von Kehlmanns Roman „Tyll“. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung sprach gar von seinem „besten Roman“ überhaupt.

Herzlich willkommen beim Eifel-Literatur-Festival 2021, herzlich willkommen in der Bitburger Stadthalle: der literarische Weltvermesser und literarische Magier Daniel Kehlmann.