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Einführungsrede von Dr. Josef Zierden zu Dörte Hansen

Freitag, 12. November 2021 in Prüm, Karolingerhalle

Sehr geehrte Damen und Herren,

Dr. Josef Zierden

Liebe Festivalfreunde,

Nichts ist im Leben eines Schriftstellers vielleicht so schwierig, wie nach einem erfolgreichen Romandebüt den nächsten Roman zu schreiben.

Zumal wenn der Debütroman, hier „Altes Land“ von Dörte Hansen, die Nummer 1 der Spiegel-Jahresbestsellerliste Hardcovcer Belletristik 2015 war und im gleichen Jahr aus 274 Einreichungen zum „Lieblingsbuch des unabhängigen Buchhandels“ gekürt worden ist. Mittlerweile  mehr als 1 Mio. Mal verkauft und in 10 Sprachen übersetzt.

Von einem  „Dörte-Hansen-Wunder“ hatte Rainer Moritz beim Romandebüt gesprochen, der Chef des Hamburger Literaturhauses.

Als „tolles Debüt“ und „niveauvolle Unterhaltung“ lobte Literaturkritiker Denis Scheck das Buch.

 Und Dörte Hansen selber bekannte fassungslos vor Freude über den Erfolg von „Altes Land“: „Solche Dinge geschehen im wahren Leben nicht! Mir ist etwas passiert, was eigentlich unmöglich ist.“

Denn 2015: Da wurde kein Roman häufiger verkauft als „Altes Land“. Ein „Erstling übers Landleben“, ein Roman über zwei Heimatlose auf der Suche nach ihrem Platz in der Welt“. „Eine Geschichte über Flucht und Vertreibung, das Landleben in Norddeutschland und die Irrwege des modernen Großstadtlebens“, so die Buchfachzeitschrift „buchreport“.

Geschrieben im Wunsch, ein authentisches Bild vom Landleben zu vermitteln, jenseits klischeebeladener Vorstellungen der Stadtmenschen.

Und im Herbst 2018 dann der zweite Roman von Dörte Hansen, heiß erwartet: „Mittagsstunde“. Wieder geht es um ein norddeutsches Dorf - und wieder geht es um Heimat und Zugehörigkeit.

Um den Strukturwandel auf dem Lande und den Untergang einer bäuerlichen Welt seit den 1960er Jahren.

Die Flurbereinigung wird zur Zeitenwende im (fiktiven) nordfriesischen Dorf Brinkebüll. Sie räumt auf in der Brinkebüller Feldmark und macht alles „übersichtlich, baum- und heckenlos, die breiten Wirtschaftswege wie mit dem Lineal gezogen, die Felder riesengroß. Die Wälle und die Streuobstwiesen weggehobelt“, heißt dazu im Roman. Nicht nur die Landschaft wandelt sich, es stirbt auch die bäuerliche Kultur. Alles verschwindet, was das Dorfleben einst ausgemacht hat: die Dorfschule mit dem pädagogischen Urgestein Steensen und seiner Heimatkunde. Der Dorfladen mit den drei Eissorten, geführt von Dora Koopmann.

Das Gasthaus, an dessen Tresen über viele Jahrzehnte Sönke Feddersen und seine Frau Ella gestanden haben und der ohne Nachfolger bleibt.

Es verschwindet die alte Dorfchaussee mit den Kastanienbäumen, die der rasabteb Automobilisierung des Landes im Wege steht.

Die großflächige Agrarindustrie zieht herauf, die Dörfer verkommen zu Wohndörfer ohne Bauern, Bäcker, Schlosser oder Zimmermänner.

Was die etwas verrückte und viel belächelte Marret Feddersen alias Marrett Ünnerjang immer wieder orakelt, trifft am Ende wirklich ein: „De Welt geiht ünner“, nämlich die Zeit der Bauern.

Mit dem Erzähler Ingwer Feddersen gesprochen, der mit seinem Bildungsgang (Abitur, Studium, Hochschullaufbahn) dem Dorf entwachsen ist: „Die Zeit der Bauern ging zu Ende. Man blies das Feuer aus, man brach die Zelte ab und ließ die Sesshaften zurück.“ Es geht tatsächlich eine Welt unter, die alte Agrarwelt. Und nicht nur die titelgebende „Mittagsstunde“ voller Geheimnisse.

Und sie geht unter nicht nur in Birkebüll, nicht nur in Nordfriesland, sondern letztlich in ganz Deutschland und darüber hinaus, europaweit.

Aber Dörte Hansen hat ihr mit dem Roman „Mittagsstunde“ der verschwundenen Dorfwelt und dem tiefgreifenden Wandel ein faszinierendes poetisches Denkmal gesetzt. Wie urteilte die Frankfurter Allgemeine Zeitung: „So eindringlich geraten Bücher selten“.

Herzlich willkommen beim Eifel-Literatur-Festival 2021, herzlich willkommen in der Karolingerhalle zu Prüm, mitten im ländlichen Raum: Die melancholische Roman-Chronistin einer verschwundenen bäuerlichen Welt - Dörte Hansen!