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Einführungsrede zu Ingrid Noll am 24. August 2018 in Prüm

Von Dr. Josef Zierden

Dr. Josef ZierdenMeine sehr geehrten Damen und Herren,

„Warum lässt Ingrid Noll immer die Männer ins Gras beißen?“ fragte die „Bild am Sonntag“ am 30. Juli 2017 - nach Erscheinen des jüngsten Noll-Krimis „Halali“.

Und sie fragte weiter: „Haben Sie womöglich etwas gegen Männer, Ingrid Noll?“

In der Tat: Bei Ingrid Noll sind, entgegen aller Kriminalitätsstatistik, Frauen meistens nicht Opfer, sondern Täterinnen. Was seinen Grund auch darin hat, dass Nolls Kriminalromane meistens in der Ich-Form erzählt sind. Damit falle es ihr leichter, in die Rolle einer Täterin zu schlüpfen, erklärt sie der Bild am Sonntag. Manche Literaturkritiker und Literaturwissenschaftler machen daraus sogar ein feministisches Projekt und deuten die Morde von Frauen an Männern in Nolls Kriminalromanen als Befreiungsakt von den Erwartungen und Vorstellungen anderer. Ingrid Noll selbst will ihr Werk aber nicht als feministisches Projekt verstanden wissen.

Gleichwohl bleibt es ein Grundzug Ihres Schreibens: Männer spielen in ihren Romanen meist nur eine untergeordnete Rolle, sie sind „unscharf gezeichnete Schwächlinge und im Wesentlichen dazu gut, beerbt zu werden“, wie es in einem Literaturlexikon hieß.

Nolls Frauenfiguren hingegen sind differenziert, und widersprüchlich gezeichnet: Sie machen aufgrund ungünstiger Umstände eine kriminelle Entwicklung durch - die sich dann allerdings durchaus zu Ihren Gunsten auswirken kann. Enttäuschte Frauen sind es, die sich hinter der Fassade bürgerlicher Wohlanständigkeit auf kriminelle Weise zu holen versuchen, was ihnen das Leben auf normalen Wege nicht gegönnt hat. Ein Paradebeispiel dafür ist gleich der erste Roman von Ingrid Noll: „Der Hahn ist tot“, 1991 erschienen - da war die Autorin 56 Jahre alt.

Hatte drei Kinder großgezogen, die Mutter gepflegt. Und landete gleich mit ihrem Debütroman einen internationalen Bestsellererfolg. Ich-Erzählerin des Romans „Der Hahn ist tot“ ist Rosemarie Hirte, eine 52jährige, allein lebende Versicherungsangestellte ohne besondere Eigenschaft. Die immer wieder Pech mit Männern hat. Doch da tritt unverhofft noch einmal die Liebe in ihr Leben - und die entfacht ungeahnte kriminelle Energien. Sie tut alles, um ihren Schwarm für sich zu gewinnen. Sie erschießt seine Frau! Sie stürzt ihre einzige Freundin aus Eifersucht von einem Turm in den Tod. Sie wirft einen elektrischen Lockenstab in das Badewasser einer anderen Konkurrentin und erschießt schließlich einen Polizisten, der ihr auf die Schliche zu kommen droht.

Dabei steuert nicht nur Liebe, sondern zunehmend die Lust an purer Machtausübung ihre Handlungen. Am Ende hat die Protagonistin den Angebeteten zwar für sich allein, aber um einen hohen Preis: Er ist durch einen Unfall gelähmt und Rosemarie ist über ihren Ängsten und Gewissensqualen schwer erkrankt.

Das Erzählen aus der Perspektive der Täterinnen. Deren Diskrepanz zwischen harmlosem Äußeren, bürgerlicher Fassade und ihren Mordtaten. Nolls Interesse an Motiven und psychologischen Hintergründen, weniger an der Frage: Wer ist der Täter? Die geradlinige Dramaturgie, die schnörkellose Sprache, der schwarze Humor, die Ironie, das Understatement: all das gilt als Erfolgsrezept von Ingrid Noll. All das machte sie zur erfolgreichsten Krimiautorin Deutschlands, zur „Grande Dame“ der deutschen Kriminalliteratur,

zur Agatha Christie des deutschen Krimis.

Bei der selbst selbst der gestrenge Literaturkritiker Denis Scheck ins Schwärmen gerät. Beim 17. Buch von Ingrid Noll und ihrem 14. Kriminalroman, „Halali“, der in den Kindertagen der Bonner Republik spielt, gefiel ihm „der kuschelige Retrocharme“, die „genaue Beobachtungsgabe seiner Autorin“, die „geschickt gewählte Erzählsituation“ und der „entschleunigte Miss-Marple-Charme“, dazu der souveräne Gebrauch der rheinischen Mundart. Der jüngste Kriminalroman von Ingrid Noll, „Halali“, Ende Juli 2017 erschienen, ist eine „Zeitreise und eine Geschichte über das Lebensgefühl junger Frauen in den fünfziger Jahren“, wie der Klappentext verrät. Als es nicht gestattet war, Herrenbesuch nach zehn Uhr abends zu empfangen. Im Bonn der Nachkriegszeit sind Karin und Holda, Mitarbeiterinnen in Ministerien, auf Männerjagd - und werden auf einmal selber gejagt: von ganz besonderen Romeos, die sich als Agenten entpuppen.

Um die beiden Damen und ihr Überleben müssen wir uns als Leser gleichwohl keine Sorgen machen. Eher um die Frage, wie Frauen hier einmal mehr ihre Liebhaber oder Ehegatten töten.

Herzlich willkommen beim 13. Eifel-Literatur-Festival 2018,

herzlich willkommen in der Aula der ehemaligen Hauptschule Prüm, die Frau, die von sich sagt:

„Ich morde eher sanft“ und die sich so eine Mio.auflage erschrieben hat: Deutschlands erfolgreichste Krimiautorin - Ingrid Noll! ***