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Einführungsrede von Dr. Josef Zierden zu Olga Tokarczuk

5.11.2021 in Bitburg

Dr. Josef ZierdenMeine sehr geehrten Damen und Herren,

Donnerstag, 10. Oktober 2019, 13 Uhr in Stockholm: Die Flügeltür des Blauen Salons im Börsenhaus öffnet sich, die Schwedische Akademie verkündet die  Nobelpreise für Literatur 2018 und 2019. Der Österreicher Peter Handke erhält den Preis für 2019, die Polin Olga Tokarczuk rückwirkend für das Jahr 2018. In der Begründung heißt es: Sie werde für ihre „erzählerische Vorstellungskraft“ geehrt, die „mit enzyklopädischer Leidenschaft das Überschreiten von Grenzen als Lebensform darstellt.“ Mit Olga Tokarczuk wurde die prominenteste polnische Autorin der Gegenwartsliteratur ausgezeichnet, in alle Weltsprachen übersetzt.

Wie zur Bestätigung der Nobelpreis-Begründung war wenige Tage vorher, am 1. Oktober 2019 das Opus Magnum von Olga Tokarczuk in deutscher Übersetzung erschienen: „Die Jakobsbücher“. Ein historischer Roman, der schon auf der Titelseite verspricht: „Eine große Reise über sieben Grenzen, durch fünf Sprachen und drei große Religionen, die kleinen nicht mitgerechnet.“ Die Geschichte des im polnischen Litauen geborenen jüdischen Mystikers und Sektenführers Jakob Frank, von den einen als Messias verehrt, von den anderen der Ketzerei beschuldigt und angeklagt. Der „Luther der Juden“, der mit seiner Gefolgschaft erst zum Islam und dann zum Katholizismus konvertierte. Ein Grenzgänger, entschlossen, die Juden Osteuropas für die Aufklärung und  Moderne zu öffnen. Ein enzyklopädischer Erzähl-Kosmos fürwahr, in dem sich Realistisches und Märchenhaft-Phantastisches mischt, eine „gigantische Landkarte der polnischen Geisteshaltung um 1800“ (NDR 2019). Eindrucksvoller Beleg für die reiche Kultur des Judentums, viele hundert Jahre vor dem Holocaust, auf den jüdische Geschichte allzu häufig reduziert wird.

Entfaltet in barocker Weitschweifigkeit und Vielschichtigkeit, ein unerschöpfliches, patchworkähnliches Sammelsurium von Personen und Alltagsdetails der polnisch-jüdischen Geschichte. Ein Roman, der sich auch den dunklen Kapiteln der polnischen Geschichte stellt: wie der Ermordung der Juden durch Polen oder den feudalen, sklavenhalterähnlichen Frondiensten der Landbevölkerung. Das damit der offiziellen polnischen Geschichtsschreibung widersprach, in dem Polen immer nur Opfer, nie Täter war.

Exzellent übersetzt haben die Jakobsbücher u.a. der  Literaturwissenschaftler, Schriftsteller und Übersetzer aus dem Polnischen Lothar Quinkenstein. Mit aufwändigen historischen Recherchen hat er sich der Romanwelt und der adäquaten Übersetzung der verschiedenen Sprachebenen genähert.

Herzlich willkommen beim 15. Eifel-Literatur-Festival 2021 in der Bitburger Stadthalle: Herr Lothar Quinkenstein aus Berlin und eine der bedeutendsten europäischen Autorinnen der Gegenwart: die Nobelpreisträgerin für Literatur des Jahres 2018, Frau Olga Tokarczuk aus Polen.