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Einführungsrede zu Peter Stamm am 1. Juni 2018 in Prüm

Sehr geehrte Damen und Herren,

„Agnes ist tot. Eine Geschichte hat sie getötet. Nichts ist mir von ihr geblieben als diese Geschichte.“

Dr. ZierdenSo beginnt der Debütroman „Agnes“ von Peter Stamm, 1998 erschienen. Diese drei Sätze - für mich zählen sie, schon vom Sprachklang her, zu den schönsten Romananfängen der Weltliteratur. So schmucklos-karg, so kühl und irritierend diese drei Aussagesätze auch daherkommen mögen.

Da verweist der erste Satz, der Anfang, schon auf das Ende, auf den Tod der Protagonistin. Unvermittelt und schmucklos konstatiert. Gefolgt von der Feststellung, dass eine Geschichte sie getötet habe. Eine rätselhafte Behauptung, die sich erst vom Ende des Romans her verstehen lässt. Ebenso wie die Rolle des namenlosen Ich-Erzählers und seiner Beziehung zur Hauptfigur des Romans. Am Ende der Romanlektüre wissen wir: Ein älterer Schweizer Sachbuchautor beginnt eine Affäre mit der Schweizer Physikdoktorandin Agnes in der Chicagoer Public Library. Sie wünscht sich von ihm eine Geschichte über sie und ihre Beziehung.

Als Agnes ein Kind von ihm erwartet, reagiert der Erzähler abweisend. Daraufhin verlässt sie ihn, kehrt aber nach einer Fehlgeburt zurück. Unterstützt von Agnes, schreibt der Erzähler die Geschichte weiter - mit zwei Schlussvarianten: Das Kind kommt zur Welt, die Eltern heiraten und die Familie ist glücklich. Und, heimlich verfasst, der zweite Schluss: Agnes verschwindet. Legt sich an einem eiskalten Wintertag an einem einsamen See in den Schnee und überlässt sich dem Erfrierungstod. Als der Ich-Erzähler von einer Silvesterparty zurückkehrt, ist diese Datei „Schluss 2“ geöffnet und Agnes fort. Der Eingangssatz scheint wahr geworden zu sein, die Fiktion tödliche Realität: „Agnes ist tot. Eine Geschichte hat sie getötet.“

Mit dem fulminanten Debütroman „Agnes“ avancierte Peter Stamm zum Shootingstar der Schweizer Gegenwartsliteratur.

Schon diesem Debütroman wird ein Merkmal zugesprochen, das typisch scheint für die literarischen Texte Peter Stamms: das Merkmal der inhaltlichen und stilistischen „Einfachheit“.

 

Der Schriftstellerin Dagmar Leupold erscheint der Agnes-Roman als „ein bestürzend einfaches Buch“. Und der Literaturkritiker Ulrich Greiner formulierte paradox, dass das „Schwierige an den Büchern des Schweizer Schriftstellers Peter Stamm“ darin liege, „dass sie so einfach“ seien.

Denn was wie eine alltägliche, scheiternde Liebesgeschichte eines ungleichen Paares anmutet, erweist sich erst bei näherem Hinsehen als mehr: als eine Erzählung über die Problematik des modernen Individuums und seiner gesellschaftlichen Situation. Als eine Erzählung über die Vereinzelung und Vereinsamung des Menschen, über Selbstentfremdung, Bindungsunfähigkeit und Sinnverlust. Über die emotionale Kälte der Single-Generation, über die Suche nach Glück und das permanente Scheitern. Erzählt in einem lakonischen Sprachstil: also verknappt, nüchtern, schlicht und in kurzen Hauptsätzen - fern komplizierter syntaktischer Gefüge und adjektivreicher, blumiger Ausdrücke.

20 Jahre nach dem Debütroman „Agnes“, im Jahre 2018, gilt Peter Stamm als einer der bedeutendsten und erfolgreichsten Schweizer Schriftsteller, von internationalem Rang. Längst schon befassen sich renommierte Literaturwissenschaftler mit seinem Werk. Das ist inzwischen sehr umfangreich und vielfältig. Es umfasst u.a. sieben Romane, sechs Erzählsammlungen, fünf Theaterstücke und 15 Hörspiele.

Im Fokus der Texte stehen nicht selten ein Mann und eine Frau, die eine Liebesbeziehung eingehen. Oder Generationenkontakte zwischen Kindern und Erwachsenen oder irritierende Formen der Freundschaft. Diese zwischenmenschlichen Beziehungen sind ebenso geprägt von latenter Fremdheit wie von Momenten intensiver Nähe.

In den Beziehungen wie auch alleine für sich suchen die Figuren nach Halt und Orientierung, nach Heimat Geborgenheit und Glück. Nicht selten begegnet man in den Texten Künstlerfiguren, die aus Sicht der bürgerlichen Gesellschaft oder auch in ihren Selbstansprüchen gescheitert sind oder doch in einer schweren Krise.

 

Mit mehr als 20 renommierten Literaturpreisen ist das literarische Werk von Peter Stamm inzwischen ausgezeichnet worden. Er war 2013 als erster Schweizer Autor überhaupt Finalist des „Man Booker International Prize“, zusammen mit neun weiteren Autoren aus neun Ländern, von den USA bis China, von Frankreich, Russland bis nach Australien und Indien.

Der „Man Booker International Prize“ wird seit 2005 alle zwei Jahre an Schriftstellerinnen und Schriftsteller vergeben, deren Werk auf Englisch erschienen. Ausgezeichnet wird das Gesamtwerk eines Autors.

Und kürzlich, Mitte Mai erhielt Peter Stamm den Solothurn Literaturpreis 2018. Er wird vergeben für hervorragende literarische Leistungen deutschsprachiger Autorinnen und Autoren.

Der Solothurner Literaturpreis 2018 zeichne einen Autor aus, so die Jury, dessen Werk sich "durch einen konsequent lakonischen und hochrhythmisierten Ton“ auszeichne. Thematisch wage sich Stamm „immer wieder neu heran an unser Leiden an der Langeweile und an den Traum von einem anderen Leben“. Er werfe den Blick auf das Gewöhnliche und verleihe dem Banalen im Leben Sinn. Virtuos beherrsche er „das Spiel mit Parallelwelten und Möglichkeitsformen“. Bewusst verwische er „die Grenze zwischen Realität und Fiktion, zwischen Erlebtem und Erzähltem“ - die „dadurch erzeugte Magie“ ziehe sich „wie ein roter Faden durch sein Werk“, schreibt die Jury Ende März in Ihrer Begründung für den Solothurner Literaturpreis 2018.

Da war der jüngste Roman von Peter Stamm, Ende Februar 2018 erschienen, bereits einbezogen. Sein Titel: „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“. Würden wir das Leben noch einmal führen, wie wir es geführt haben, wenn wir gewusst hätten, was kommen wird? Würde man noch einmal in die Fallen tappen, die die Liebe stellt? Darum geht es in diesem neuen Roman, der in der Schweiz und in Deutschland seit Wochen auf den Bestsellerlisten steht. Mit diesem Roman knüpft Stamm an seinen Debütroman „Agnes“ an. Da begegnet ein Schriftsteller seinem alter ego in jungen Jahren. Und wieder schreibt einer ein Buch, aus dem Wirklichkeit wird. Ein Buch über die Geschichte der Beziehung.

Ein Buch im Buch und ein Buch über die Macht der Literatur.

Herzlich willkommen beim 13. Eifel-Literatur-Festival 2018,

herzlich willkommen in der Aula der ehemaligen Hauptschule Prüm: einer der bedeutendsten und erfolgreichsten Autoren der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, der Schweizer Autor von internationalem Rang - Peter Stamm.