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Einführungsrede zu Saša Stanišić am 25. Mai in Wittlich

Sehr geehrte Damen und Herren,

Dr. Zierdendie Uckermark ist eine historische Landschaft im Nordosten Brandenburgs, rund 80 Kilometer von Berlin entfernt. Gepriesen zuweilen als „Toskana des Nordens“. Es ist eine Landschaft, in der man stille Naturparadiese genießen kann oder beschauliche Dörfer. Bundesweit bekannt ist die Uckermark vielleicht am ehesten als Rückzugsrevier von Bundeskanzlerin Angela Merkel, wo sie Waldluft genießen kann statt stickiger Hauptstadtluft. Wo sie Kraft schöpfen kann auf ihrer „Datsche“ in dem winzigen Dorf Hohenwalde.

Freunde der Literatur verbinden mit der brandenburgischen Uckermark aber vor allem den Schriftsteller Sasa Stanisic. Der ist 1978 in Višegrad in Bosnien-Herzegowina geboren. 1992 flüchtete er im Bosnienkrieg mit seinen Eltern aus der von serbischen Truppen besetzten Heimatstadt nach Deutschland, zum Onkel nach Heidelberg. Wo schon während des Studiums immer mehr literarische Texte entstanden - und wo Stanisic seinem Kindheitstraum, eines Tages nur noch zu schreiben, immer näher kam.

„Wie der Soldat das Grammofon repariert“, hieß und heißt sein Debütroman, 2006 erschienen. Er erzählt die Geschichte einer Kindheit in Višegrad, einer Stadt an dem Fluss Drina. Die Drina ist weltberühmt geworden durch den historischen Roman „Die Brücke über die Drina. Eine Višegrader Chronik“ 1953 des Nobelpreisträgers Ivo Andric. Ein Roman über die Drina-Brücke zwischen Bosnien und Serbien und über das Leben in der ostbosnischen Stadt Višegrad.

In seinem Debütroman „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ des Jahres 2006 erzählt Sasa Stanisic die Geschichte einer Kindheit in Višegrad am Grenzfluss Drina, in der Christen und Muslime, Bosnier und Serben friedlich miteinander leben, bis Politik und Krieg den Frieden zerstören.

Zentrales Thema ist der Bosnienkrieg der Jahre 1992 bis 1995, dargestellt aus der Perspektive eines Heranwachsenden namens Aleksandar. Der Klappentext des Buches präsentiert ihn als „Fähigkeitenzauberer, Chefgenossen der Angelkunst und Flussredner“. Sein größtes Talent ist das Erfinden von Geschichten. Kennzeichnend für den Erzähler ist die Naivität des kindlichen Blicks und eine oft humorvoll-ironische Erzählweise, die das Absurde des geschilderten Kriegsgeschehens umso bewusster macht.

Wie Sasa Stanisic „die Geschichten dieser Stadt mit unglaublicher Lust am Erzählen und Erfinden in dieses Buch“ hineinschreibe und „wie er diese Stadt dann wenig später (…) vom Hass, vom Blut, vom Krieg verschlingen“ lasse, das sei „große Kunst“, befand der Literaturkritiker Volker Weidermann in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Der Debütroman „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ begeisterte Leser und Kritiker gleichermaßen. Er gelangte auf die Shortlist des deutschen Buchpreises und wurde bis heute ein Weltbestseller, in 31 Sprachen übersetzt.

Freilich: Wie kommt man nun literarisch von Bosnien, von der tragischen und blutigen Geschichte Ex-Jugoslawiens in die brandenburgische Uckermark? Nun - beim Lesen eines amerikanischen Südstaatenautors kam Sasa Stanisic die Idee, ein ostdeutsches Dorf als Dreh- und Angelpunkt für einen neuen Roman zu suchen. Er fand es in der 800-Seelen-Gemeinde Fürstenwerder, Ortsteil der Gemeinde Nordwestuckermark an der Grenze zu Mecklenburg-Vorpommern. In seinem zweiten Roman „Vor dem Fest“, 2014 erschienen, wurde daraus das uckermärkische Dorf Fürstenfelde - eine Fundgrube für seinen literarischen Kosmos. Entstanden ist mit dem Roman „Vor dem Fest“ „ein Geschichtsbuch, vom Mittelalter bis heute, durchsetzt mit Fabeln und Berichten aus der Chronik“. Zeitlich angesiedelt zu Herbstbeginn in der Nacht vor dem Annenfest, von dem niemand so recht weiß, was und warum da gefeiert wird. Längst hat mit dem Roman „Vor dem Fest“ die Uckermark Eingang in die Weltliteratur gefunden.

Plötzlich scheine die deutsche Provinz „als Zauberland voller skurriler Geschichten“, so das Magazin Focus - komisch und traurig wie noch nie.

Auch Stanisics drittes und bislang letztes Buch „Fallensteller“, 2016 veröffentlicht, führt in der titelgebenden Erzählung in die Uckermark, nach Fürstenfelde. Ein Dorf, von dem es heißt, dass hier die Menschen weniger und die Tiere, vor allem die Wölfe, mehr würden. Und das zunehmend von radelnden Literaturtouristen in Besitz genommen wird, seit ein „Jugo“ über Fürstenfelde geschrieben habe, wie es in der Erzählung „Fallensteller“ heißt: „Ein Jugo war das. Aber ein verweichlichter Jugo, ganz ungewöhnlich. Jugo-Schriftsteller halt“.

Der Erzählband „Fallensteller“ und sein Autor Sasa Stanisic werden im Mittelpunkt des heutigen Abends stehen, in Lesung und Gespräch.

 

Herzlich willkommen beim 13. Eifel-Literatur-Festival 2018,

herzlich willkommen in der Synagoge Wittlich:

der meisterhafte junge Schriftsteller, der mit seiner Phantasie, seiner Komik und seine Sprachgewalt überall zuhause ist, in Bosnien wie in der Uckermark:

Herzlich willkommen Sasa Stanisic! ***