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Einführungsrede zu Sven Regener am 8. Mai in Wittlich

Von Dr. Josef Zierden

Dr. Josef ZierdenSehr geehrte Damen und Herren,

am Anfang war „Herr Lehmann“.

Der Roman um den ambitionslosen und planlosen Pragmatiker Frank Lehmann, der Ende der 1980er Jahre in einer Kreuzberger Kneipe Bier zapft.

Ein komischer Kauz, der sein ereignisloses Leben im Schatten der Mauer liebt und glücklich ist.

Und der seine beschauliche Existenz als Gelegenheitsjobber inmitten abgebrannter Studenten- und Künstlerfiguren gegen jegliche Veränderungen zu verteidigen sucht. Gegen einen vermeintlichen Killer-Hund auf dem Lausitzer Platz, gegen anrückende Eltern aus der Provinz, gegen eine begehrenswerte Köchin und schließlich sogar gegen die Weltgeschichte höchstpersönlich - den Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 und die Wiedervereinigung.

Dieser schrullige, urkomische Roman „Herr Lehmann“, 2001 erschienen;

diese ungewöhnliche Romanreise durch ein Parallel-Universum voller schräger Vögel und Freaks, Hausbesetzer und Punks und Kneipenbesucher, voller Pseudo-Künstler und Lebenskünstler war der literarische Urknall des Schriftstellers Sven Regener.

Begeisterte doch das Romandebüt Leser wie Kritiker gleichermaßen. Es machte ihn aus dem Stand heraus zu einem Erfolgsautor - zunächst eines legendären Kultromans, der sich bis heute anderthalb Millionen mal verkauft hat und in mehr als 20 Sprachen übersetzt worden ist. Und längst erfolgreich verfilmt worden ist von Leander Haußmann.

So feierte der vielseitige Künstler Sven Regener als Autor seinen größten Erfolg, auch wenn er sich vor allem als Musiker begreift - als Mitbegründer, Sänger und Texter der vor 30 Jahren gegründeten Band "Element of Crime“.

Musiker mehr denn Autor - weil Musik schöner sei, wie er in einem Interview ausführte. Und weil Musik die Mutter aller Künste sei, „die geheimnisvollste Kunst und die rätselhafteste und die am direktesten auf das Gefühl gehende“.

Seinem Erfolg als Schriftsteller hat diese hymnische Priorisierung der Musik nicht geschadet.

Und auch nicht seiner schriftstellerischen Produktivität.

Denn längst hat sich in schneller Folge die „Herr Lehmann“ Romanwelt zunächst zur Trilogie ausgewachsen: mit den Romanen „Neue Vahr Süd“ (2004) und „Der kleine Bruder“ (2008), in denen die Vorgeschichte von Herrn Lehmann erzählt wird: über seine Jugend im alternativen Bremen von 1980 und wie er nach Berlin kommt, in das Berliner Avantgarde-Milieu der frühen 1980er Jahre mit seinen romantischen Außenseitern und Spinnern.

Wo es schon erfüllend ist und glücklich macht, in Kreuzberger Kneipen herumzuhängen oder sich mit Schrottschweißereien im Experimentalkunstbetrieb einen Namen zu machen.

Eine „Archäologie des bekanntesten Berliner Bezirks - in all seiner Provinzialität, Exzentrik und Schönheit“ hat der Deutschlandfunk diese Lehmann-Trilogie genannt.

In Regeners viertem Roman „Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt“ - 2013 erschienen, 2017 verfilmt - in diesem vierten Roman wird die einstige Nebenfigur, Herr Lehmanns bester Freund, zum Hauptprotagonisten und darf seine Geschichte weitererzählen.

Ein Lehmann-Roman ohne Herr Lehmann, der fünf Jahre nach dem Mauerfall beginnt und Berliner Techno-Freaks auf einer absurden Rave-Tour durch Deutschland führt.

Im jüngsten Roman „Wiener Straße“ kehrt Frank Lehmann zurück - aber nur als Nebenfigur im skurrilen Kreuzberger Kneipen- und Kunstuniversum der frühen 1980er Jahre.

Da gehört die große Bühne Extrem-Künstlern mit Namen wie P. Immel und H.R. Ledigt, die einen verbrannten Kuchen zum Kunstwerk erklären und die Kuchenvitrine des Café Einfalls zur "neuen neuen Nationalgalerie“. Zwischen ArschArtGalerie, Café Einfall und ehemaligem Intimfriseurladen entfaltet sich einmal mehr der schräge Herr-Lehmann-Kosmos mit Laberköpfen, Pfeifen, Punks und Freaks und Lebenskünstlern.

In der Aneinanderreihung komischer Szenen und witziger Dialoge, in der temporeichen Revue schräger Figuren und absurder Situationen ist „Wiener Straße“ der komödiantischste aller Regener Romane. Zwerchfellerschütternde Lesepartien sind vorprogrammiert.

Bühne frei also für die etwas anderen Helden der Kreuzberger Subkultur zu Anfang der 1980er Jahre.

Herzlich willkommen beim 13. Eifel-Literatur-Festival 2018,

herzlich willkommen im Atrium des Cusanus-Gymnasiums Wittlich zu seiner einzigen Lesung überhaupt im Jahre 2018:

der geistige Vater dieses unerschöpflichen Lehmann-Universums,

der Vollblut-Musiker und Kultautor Sven Regener. ***