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Einführungsrede zu Swetlana Alexijewitsch am 20.04.18 in Bitburg

Von Dr. Josef Zierden

Sehr geehrte Damen und Herren,

Stimmen. Es sind Tausende von Stimmen, die die Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch seit mehr als 40 Jahren aufzeichnet und niederschreibt.

Stimmen aus der Ukraine, aus Weißrussland und Russland, aus der untergegangenen Sowjetunion. Stimmen vor allem einfacher Menschen, von Menschen aller Altersgruppen, aus den unterschiedlichsten sozialen Schichten und Berufen. Stimmen, die hinabreichen bis in die frühe Geschichte der Sowjetunion, des größten sozialistischen Staates der Erde.

Begründet 1922, offiziell aufgelöst am 8. Dezember 1991.

Dr ZierdenAls über dem Kreml zu Moskau die Rote Fahne eingeholt wurde, endete ein gigantisches historisches Experiment - mit dem von Marx und Lenin vorgegebenen Ziel einer klassenlosen kommunistischen Gesellschaft und der Formung eines neuen kollektives Menschentyps. Zu Ende ging ein blutiges historisches Experiment - mit Revolution, Bürgerkrieg, Terror und Diktatur. Und das „Leben auf den Trümmern des Sozialismus“, so der Untertitel des jüngsten Buchs von Swetlana Alexijewitsch „Secondhand-Zeit“, das „Leben auf den Trümmern des Sozialismus“ begann und ging weiter. „Das rote Imperium existiert nicht mehr, aber der rote Mensch ist noch da. Er lebt weiter“, zog Swetlana Alexijewitsch in ihrer Nobelpreisrede am 7. Dezember 2015 in Stockholm ein bitteres Resümee.

Das Werk, für das Swetlana Alexjewitsch 2015 den bedeutendsten Literaturpreis der Welt erhielt und 2013 die höchste Kulturauszeichnung in Deutschland, den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels - dieses Werk wurde als „eine Chronik des Homo Sovieticus“ bezeichnet, eine „Chronik der roten Seele“, oder - mit ihren eigenen Worten: eine „Rote Enzyklopädie“. Eine archäologische Erkundungsreise in die sowjetische und postsowjetische Gesellschaft. Mit ihrem Leid, mit ihren Katastrophen und dem harten Alltag der Menschen.

Im Chor der Stimmen von Swetlana Alexijewitsch kommen jene Menschen zu Wort, die in der offiziellen Geschichtsschreibung des Landes keine Stimme haben. Denen bis dahin niemand zugehört hat. Die einer verständnisvollen Zuhörerin wie der Autorin ihre Seele öffneten.

So gleich in ihrem ersten Werk „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“, 1985 in Minsk und Moskau erschienen. Rund eine Million Frauen haben im Zweiten Weltkrieg in der Roten Armee gekämpft. Aber nirgendwo ist ihr Schicksal festgehalten. Jetzt kommen Sie als Zeitzeugen zu Wort und erzählen ihre Geschichte: Frontkämpferinnen, Fliegerinnen, Panzersoldatinnen oder Scharfschützinnen, Ärztinnen und Krankenschwestern bis hin zu Wäscherinnen, Köchinnen und Bäckerinnen hinter der Front. Aus Hunderten von Einzelerinnerungen entsteht ein neues Bild eines leidvollen Krieges, gesehen mit den Augen der Frau. Es ist alles Andere als ein heroisches Bild vom Krieg in sowjetpatriotischer Manier, wenn erzählt wird „vom Tod und vom Töten, von Blut, Dreck und Läusen, von Kriegsverbrechen, von Verwundungen, Schmerzen, Hunger und miserabler Ausrüstung“. Die Frauen, die bereit waren, für ihre Heimat zu sterben, waren vergessen, als es nach dem Krieg darum ging, die „Helden“ zu feiern. Nicht um Daten und Geschehnisse des Krieges geht es in diesem Buch, sondern um die menschliche Tragödie jeder einzelnen Frau, in bewegenden Details erinnert. „Ich schreibe keine Geschichte des Krieges, sondern eine Geschichte der Gefühle der Menschen im Krieg“, sagte Swetlana Alexijewitsch über dieses „erschütternde Dokument einer ausgeblendeten Seite des Zweiten Weltkriegs“. Es ist ergreifender, als es ein wissenschaftliches Fachbuch je sein könnte. Lange wurde das Manuskript seinerzeit von Redaktionen zurückgehalten. Der Vorwurf: „Pazifismus und Zerstörung des heroischen Bildes der Sowjetfrau“. Erst 1985, zu Beginn der Perestroika, durfte das Buch erscheinen, wenn auch nur mit Streichungen. Mit mehr als 2 Millionen Auflage in kurzer Zeit wurde es ein ungewöhnlicher Bucherfolg in der UdSSR der Glasnost-Zeit - und ein Indiz, dass die Zeit reif war für einen schonungslos ehrlichen Blick auf die sowjetische Geschichte.

Weltberühmt wurde Swetlana Alexijewitsch mit Ihrem Buch „Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft“. In der russischen Originalausgabe, 1997 erschienen, elf Jahre nach der Reaktorkatastrophe im Norden der Ukraine am 26. April 1986.

Für Alexijewitsch eine kosmische Katastrophe, die alles in den Schatten stelle, was die Kunst der Apokalypse an Weltuntergangsszenarien je entworfen habe. Hier übertreffe die Realität die Literatur. Hier sei die Macht des Menschen über die Natur an seine Grenzen gestoßen - ein Wendepunkt in der Menschheitsgeschichte. Hier zeige das Böse ein neues Gesicht, dem unser bisheriger Wortschatz nicht gewachsen sei.

Wieder einmal lässt sie die Menschen sprechen, die unmittelbar von der Katastrophe betroffen waren. Zeichnet Monologe auf, die in das Zentrum des Grauens führen. Mit ihren lebensgefährlichen Recherchereisen in die verstrahlte Zone und den „Botschaften aus einem Laboratorium für die Welt danach“ (Karl Schlögel) wird die Chronistin der Vergangenheit hier zugleich zur Chronistin der Zukunft. Da schlagen die Strahlen-Messgeräte in den Krankenzimmern aus wie wild. Da verstrahlt und verbrennt und zerfällt im Krankenbett der Feuerwehrmann, der seiner Ehefrau die Liebe ihres Lebens gewesen ist. Das sei kein Mensch mehr, sondern ein Reaktor, sagen Ärzte und Krankenschwester der Ehefrau und geben den Leichnam als strahlendes Objekt nicht heraus. Heute boomt der Atomtourismus in Tschernobyl - nicht zuletzt bei westlichen Touristen. Die nach starken Eindrücken gieren gegen die Langeweile in einer weitgehend erschlossenen Welt. Swetlana Alexijewitsch notiert das kopfschüttelnd in einem epilogähnlichen Nachspann des Buchs.

Ihr „Opus Magnum“ freilich ist „Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus“, 2013 erschienen. Zehn Jahre lang hat die Autorin daran gearbeitet und sich einmal mehr dem Sowjetmenschen genähert - von den ersten Sowjetjahren bis zur Nachwendezeit, nach dem Untergang des sozialistischen Kontinents.

Fünf Bücher habe sie geschrieben, sagte Swetlana Alexijewitsch bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2013 in Frankfurt am Main - fünf Bücher habe sie geschrieben und schreibe im Grunde doch an einem einzigen: „An einer russisch-sowjetischen Chronik: Revolution, Gulag, Krieg … Tschernobyl … der Untergang des ‚roten Imperiums‘… Ich folgte der Sowjetzeit. Hinter uns liegen ein Meer von Blut und ein gewaltiges Brudergrab.“

Und wieder gilt Stalin vielen als großer Staatsmann. Wie überhaupt die sozialistische Vergangenheit immer öfter nostalgisch verklärt wird. Wie sagte Swetlana Alexijewitsch in ihrer Friedenspreisrede 2013: „Alles wiederholt sich … in Russland… Manchmal frage ich mich, warum ich immer wieder in die Hölle hinabgestiegen bin. Um den Menschen zu finden….“

Herzlich willkommen beim 13. Eifel-Literatur-Festival 2018,

herzlich willkommen im Festsaal von Haus Beda zu Bitburg: die Menschenforscherin, die Chronistin der Homo sovieticus, die mutige Frau des offenen Worts und die Nobelpreisträgerin für Literatur des Jahres 2015: Swetlana Alexijewitsch aus der weißrussischen Hauptstadt Minsk.