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Einführungsrede von Josef Zierden zu Ingo Schulze

Gerolstein, 29.10.2021

Dr. Josef ZierdenSehr geehrte Damen und Herren,

Wie wird aus einem leidenschaftlichen Antiquar, aus einem aufrechten Büchermenschen in der DDR nach der Wende ein Rechtsradikaler? Um diese Frage geht es in dem Roman „Die rechtschaffenen Mörder“ von Ingo Schulze, einem der großen Schriftsteller der Gegenwart.

Knapp 300 Seiten fasst der Roman. Wovon die ersten 200 Seiten eine einzige Liebeserklärung sind an das Lesen und die Leser und an das Papierbuch als dem „wertvollsten Gut“, mit dem Menschen handeln können. Der Dresdener Antiquar Norbert Paulini, 1953 geboren,  ist  hochgeachtet bei Bücherliebhabern in Ost und West. Belesen wie kein Zweiter, lebt er alleine für die Bücher und seine Kunden. Entfaltet mit Lesungen, Vorträgen und Ausstellungen ein pulsierendes geistiges Leben in einer intellektuellen Nische der DDR.

Bis mit Mauerfall und Wende dramatische Veränderungen einsetzen und mit ihnen der unaufhaltsame Niedergang Norbert Paulinis. Stammgäste bleiben weg, Paulini wird insolvent, seine Villa wird enteignet. Paulini muss sich notdürftig durchschlagen als Kassierer im Supermarkt und als Nachtwächter in einem Hotel. Seine Frau lässt sich scheiden. Antiquarische Bücher sind nicht mehr gefragt und werden entsorgt auf riesigen Büchermüllhalden. Der früher so geachtete Paulini verliert seine Welt und gerät, verbittert, zunehmend auf rechtsextreme Abwege. Der märchenhaft oder legendenhaft verklärende Erzählton des ersten Romanteils - wie aus einer anderen Zeit - bricht mit dem Ende der heilen Bücherwelt zusammen. Mitten im Satz bricht dieser Erzählteil ab, als die Polizei Paulini verhört wegen des Verdachts auf Ausländerfeindlichkeit und neonazistischer Tendenzen.

Mit dem zweiten und dritten Teil des Romans gipfelt das literarische Vexierspiel des Ingo Schulze und verblüfft mit immer neuen Wendungen.

Nichts ist so eindeutig, wie es scheint. Ein doppelter Boden tut sich auf. Gibt doch im zweiten Teil ein Erzähler namens Schultze (mit tz) das literarische Denkmal des Dresdener Antiquars als Fiktion zu erkennen. Jetzt lernt der Leser Paulini neu kennen, weit weniger idyllisch als im ersten Teil.

Vollends im dritten Teil des Romans verwandelt sich die Hommage auf das Buch und die Literatur in einen Kriminalroman, als Schultzes Verlagslektorin die Behauptungen des Schriftstellers überprüft. Am Ende des Romans ist nicht auszuschließen, dass Schultze (mit tz), der den Rechtsradikalismus des anderen aufgedeckt hat, ein Mörder sein könnte … Die heile Bücherwelt, hier wird sie schonungslos entzaubert. Mit Carsten Otte von SWR 2 gesprochen: „Am Ende dieses virtuosen Romans stehen mehr Fragen als Antworten im Erzählraum: Die moralischen Gewissheiten lösen sich auf, die entwickelten Werturteile über die Protagonisten scheinen fragwürdig und das literarische Schreiben steht auf dem Prüfstand.“

Nichts ist, wie es scheint.

Herzlich willkommen beim 15. Eifel-Literatur-Festival 2021, herzlich willkommen in der Stadthalle Rondell zu Gerolstein: Ingo Schulze, ein Erzähler von europäischem Rang!