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Mord, Spionage und schwarzer Humor

25.08.2018

Die Grande Dame der deutschen Spannungsliteratur, Ingrid Noll, begeistert mit 50er Jahre Krimi in Prüm

Ingrid NollIngrid Noll sagt zwar, Alter sei eine Beleidigung. Aber die 500 Gäste, die sie mit ihren bald 83 Jahren an diesem Abend in der ehemaligen Hauptschule in Prüm erleben, müssen einen anderen Schluss ziehen: Alter verleiht Autorität und Würde. Schon als sie vor Beginn ihrer Lesung mit Engelsgeduld die Signierwünsche ihrer Fans erfüllt, verströmt sie die Aura einer Instanz. Das ist sie auch; seit sie mit 56 Jahren als Spätstarterin ins Genre der Spannungsliteratur eintrat und dank einer „Trüffelsucherin“ beim Diogenes Verlag als Autorin angenommen wurde, hat sie es zu beispiellosem Erfolg gebracht. Alle zwei Jahre veröffentlicht sie einen neuen Kriminalroman mit einer Startauflage von 75.000 Exemplaren, und jeder wird ein Bestseller. Als sie ihrem Publikum sagt: „Das kann auch morgen wieder aufhören“, wird schallend gelacht. Nolls Auftreten in Prüm legt den Verdacht nahe, dass eine gehörige Portion Entschlossenheit, Disziplin und Pragmatismus, aber eine noch größere Portion Lust und Freude hinter dieser Erfolgsgeschichte stecken. Der Spaß, den die von Literaturkritiker Denis Scheck zur „deutschen Agatha Christie“ Geadelte hat, äußert sich auch in ihrem aktuellen Roman „Halali“, aus dem sie passagenweise vorliest. Zwar erteilt Ingrid Noll dem autobiografischen Schreiben eine vehemente Abfuhr, dennoch knüpft dieses Buch hier und da an ihr Leben an. Aus der Sicht einer 83jährigen, die als Großmutter ihrer Enkelin erzählt, wird eine Geschichte aus den 1950er Jahren in Bonn-Bad Godesberg aufgerollt. Dort hat Noll zu dieser Zeit gelebt und als Studentin aushilfsweise in der Bibliothek des Innenministeriums gejobbt. Auch die jungen Heldinnen ihres Romans arbeiten im Innenministerium. Es sind die Sekretärinnen Karin und Holda, die als Freundinnen auch ihre Freizeit miteinander verbringen. Auf einem Spaziergang finden sie einen Nistkasten, der offensichtlich als Depot für geheime Botschaften genutzt wird. Und bald entdecken sie eine Verbindung zu einem der „möblierten Herren“ aus ihrem Wohnumfeld, der den Namen Jäger trägt. Er ist verstrickt in eine Spionageaffäre, wie sie damals, im Spannungsfeld der Ost- und Westmächte gang und gäbe waren. Als er eines Tages für die Frauen zur Bedrohung wird, muss Jäger, wie so viele Männer in Nolls Krimis, sein Leben aushauchen. Karin rammt ihm mit „Halali“-Gebrüll einen Degen in die Brust. Und dann taucht das große Problem der Leichenbeseitigung auf, das nur mithilfe der Galane von Karin und Holda sowie einem guten Schluck Jägermeister gelöst werden kann. Der Reiz von Ingrid Nolls Lektüre liegt weniger in der kriminalistischen Spannung selbst als in ihrem Transport über schwarzen Humor, über den herzhaft gelacht wird. Vor allem aber lebt die Geschichte vom Zeitkolorit und authentisch wiedergegebenem Lebensgefühl der 1950er Jahre. Die Heldinnen entsprechen dem naiven Mädchentypus der damaligen Zeit. Prüde Moralvorstellungen setzen ihrem Wunsch nach Kontakt mit dem anderen Geschlecht enge Grenzen. Und ihren Hunger nach Unterhaltung decken Tanztees, Wanderungen, Gesellschaftsspiele, Besuche in der Eisdiele oder im Kino. „Ich denke oft an Piroschka“ mit Lieselotte Pulver nährt ihre romantischen Fantasien.

HalaliIm Gespräch nach der Lesung sagt Noll dazu, es habe Freude gemacht, über diese Zeit ihrer eigenen Jugend zu schreiben. Im Kontakt mit ihrer Enkelin sei ihr aufgefallen, wie wenig die Generationen voneinander wüssten. So habe sie den Wunsch entwickelt, zu erzählen, wie es damals war. Schließlich räumt die ebenso resolute wie humorvolle und schlagfertige Dame noch mit einem Urteil auf, das Feministinnen über sie gefällt haben: Sie hasse Männer, deshalb würden sie in ihren Romanen immer ermordet. „Oh, ich habe auch sehr nette Männer in meinen Büchern und ihretwegen jede Menge Frauen umgebracht“, stellt sie klar. Einen Mann habe sie ganz besonders in ihr Herz geschlossen. Der tauche aber erst im nächsten Krimi auf, der kurz vor der Veröffentlichung stehe. 

Von unserer Mitarbeiterin Anke Emmerling 

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