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Nichts ist, wie es scheint

30.10.2021

Ingo Schulze liest beim Eifel-Literatur-Festival aus „Die rechtschaffenen Mörder“

Ingo Schulze

Nach mehrmaliger Verschiebung, erst Pandemie bedingt, dann einer Erkrankung des Autors geschuldet, war es endlich soweit: Dr. Josef Zierden, Leiter des Eifel-Literatur-Festivals und ein rund 150köpfiges Publikum konnten Ingo Schulze zu einem Leseabend in Gerolstein begrüßen. Die Stadt in der Eifel wurde damit zum zweiten Mal Bühne für die Auseinandersetzung mit einem aktuellen Thema. Nachdem im Juni Wettermoderator Sven Plöger den Klimawandel beleuchtet hatte, ging es nun um deutsch-deutsche Befindlichkeiten – zwei Themen von unmittelbarer Bedeutung für Gerolstein, wie Verbandsgemeindebürgermeister Hans Peter Böffgen zum Auftakt anmerkte. Der Ort war inzwischen schwer vom Juli-Hochwasser getroffen worden und bekam kürzlich Besuch von einer Delegation aus dem sächsischen Meißen, die Spenden zum Wiederaufbau mitbrachte – als Dank für Hilfe, die beim letzten Elbe-Hochwasser von West nach Ost geflossen war.

Innerdeutsches Miteinander auf Augenhöhe, eine Selbstverständlichkeit? Nicht für alle, die im Osten aufgewachsen sind, thematisiert der 1962 in Dresden geborene Ingo Schulze in seinem Buch „Die rechtschaffenen Mörder“. Bevor er beginnt, aus diesem Werk zu lesen, warnt er: „Nichts ist eindeutig, nichts ist, wie es scheint“. Tatsächlich erweisen sich bald nicht nur der Inhalt, sondern auch die Erzählweise seiner Geschichte als Vexierspiel, als vielschichtiges Gebilde, das unterschiedliche Lesarten zulässt. Schulze gibt Kostproben aus den drei Teilen, in die er sein Buch gegliedert hat. Der erste zieht als Erzählung märchenhaften Stils, mit geschliffener Sprache in Bann. Er beschreibt den Dresdener Antiquar Norbert Paulini, ordnungsliebenden Herrscher über ein Reich von Büchern, die er ohne Gewinnstreben und nur selektiv an geeignete Interessierte verkauft. In einem Bogen zurück in die Nachkriegszeit erklärt sich, wie Paulini durch das Erbe seiner Mutter und einen geradezu als Initiationsritus beschriebenen Einstieg ins Lesen zu einer Instanz in Sachen Literatur wird. Er weiß um die Welten, die sich durch Bücher erschließen lassen und verschafft anderen Menschen Zugang dazu. Das verschafft ihm Achtung und Dank, bis sich ab 1989 alles verändert. Plötzlich wird der Markt von abgestoßenen Büchern überschwemmt, Paulinis Kundinnen und Kunden bleiben aus, und das Haus, in dem das Antiquariat untergebracht ist geht an einen West-Besitzer zurück. Paulini muss ausziehen und Insolvenz anmelden. 

Publikum bei ingo Schulze

Er rettet seine Bücher in eine Scheune an einem abgelegenen Ort, wo er Anfang der 2000er Jahre vom Elbehochwasser getroffen wird. Zu dieser Zeit sucht die Polizei den spürbar verbitterten Paulini auf. Mitten im Verhör um ein Alibi für einen fremdenfeindlichen Übergriff reißt der erste Teil des Buches ab. Ingo Schulze fährt in seiner Lesung mit Partien aus dem zweiten und dritten Teil fort, in denen sich die Perspektiven überraschend ändern. Zuerst tritt ein Ich-Erzähler auf den Plan, ehemaliger Kunde Paulinis, später Schriftsteller, der eine Liaison mit Paulinis Mitarbeiterin und Freundin Lisa eingeht. Im dritten Teil dann kommen Krimi-Anklänge und die Sichtweise einer West-Lektorin zur Sprache.

Warum diese Brüche, die Lesenden durchaus das Gefühl vermitteln können, auf den Leim geführt zu werden? War das Buch von vorneherein so angelegt? Nach seiner Lesung stellt sich Ingo Schulze sehr offen den Fragen des Publikums und Dr. Josef Zierdens. Und dabei gibt er tiefe Einblicke in seine Arbeitsweise und die Eigendynamik des literarischen Schaffens. Die Zuhörenden erfahren, dass Joseph Roths „Leviathan“ Inspirationsquelle für Schulze gewesen ist, und Pate stand für den Versuch, eine Lebensgeschichte legendenhaft anzulegen. „Doch das ging nicht auf, ich konnte diese Geschichte so nicht weiterschreiben bis heute“, sagt der Autor. „Ich musste wissen, wer sie erzählt.“ So entstand der Ich-Erzähler, der Züge von Schulze trägt: „Mir war wichtig, dass er dem Milieu entstammt, aus dem auch ich komme.“ Die Lektorin schließlich, die im letzten Buchabschnitt Regie führt, spiegelt eine westliche Außensicht. Auch das ein wichtiger Punkt für Schulze, denn: „Jeder braucht seine Erzählung, um sich in der Welt zu verorten“, sagte er und: „Mein Anliegen ist es, die Verwandlung einer Zeit bildhaft zu machen“. Die Verwandlung bezieht sich hier besonders auf die Wendezeit, die bis heute nachwirkt, im Falle des seiner Welt beraubten Antiquars Paulini mit Enttäuschung, ja sogar Wut. Gefragt nach einer Erklärung für diese verbreitete ostdeutsche Befindlichkeit sagt Schulze: „Der Geburtsfehler bei der Zusammenführung Deutschlands war, dass es ein Beitritt und keine Vereinigung war. Im Grunde sind die Wütenden enttäuschte Westliebhaber“. Er selbst wehrt sich dagegen, als ostdeutscher Autor in die Schublade „Wendefachmann“ gesteckt zu werden. „Es ist einfach ein Stück Erfahrung, ein Hintergrund, so, wie die Leute im Westen einen West-Hintergrund haben. Das ist vielen aber nicht bewusst, deshalb gehen sie davon aus, dass nur alle anderen die Abweichung sind.“ Warum er nicht mit eigener Stimme über diese Erfahrung geschrieben hat? „Mit einer Stimme kann man nicht über Zeitenwandel schreiben, und für mich ist der Stil etwas ganz Wichtiges. Er muss aus dem Stoff kommen“, erklärt der Autor. Und so ist es ihm ergangen wie im Zitat von Vilem Flusser, das an den Anfang seines Werkes gestellt hat: „Wer kann denn das Ende eines Buches auch nur erahnen, wenn er darangeht?“ Mit viel Applaus bedankt sich das Publikum für den so spannenden wie zum Nachdenken anregenden Abend. 

Anke Emmerling