Von April bis Oktober 2016

„Im Zweifel für den Menschen!“

Heiner Geißlers Kritik an der Entmündigung der Bürger

Einführungsrede Dr. Josef Zierden zu Heiner Geißler am 27. April 2012 in Wittlich

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

„denken Sie selbst, bevor es andere für Sie tun!“
Auf diese saloppe These brachte Markus Lanz in seiner Talkshow vom 29. März das neue Buch von Heiner Geißler.
Das heißt „Sapere aude! Warum wir eine neue Aufklärung brauchen“ und es bilanziert ernüchternd, 250 Jahre nach dem Beginn der Aufklärung in Europa, 250 Jahre nach Kants Schrei nach dem selbstständig denkenden Menschen:
Aufklärung - in Europa und in den USA ist sie bis heute unvollendet geblieben;
ja: in den vergangenen Jahren war sie eher auf dem Rückzug als auf dem Siegeszug.
Ganz zu schweigen davon, dass es die Aufklärung in weiten Teilen der Welt nie gegeben hat.

Die Menschen der Gegenwart - vielfältig liegen sie für Geißler in Ketten, unfrei, entmündigt, fremdbestimmt.

Und vielfältig sieht er entmündigende Tendenzen am Werk:
in der Wirtschaft, in der Kirche, in der Politik.

250 Jahre nach Kants ermutigendem Appell „sapere aude“ - „wage zu denken“, dem Wahlspruch der deutschen Aufklärung.
Unsere Gegenwart als eine Zeit tiefer Unmündigkeit?
Unsere Gegenwart als eine Zeit so vielfältig behinderter oder verhinderter Selbstbestimmung?

In einem Parforceritt durch die Problemfelder der Gegenwart teilt Heiner Geißler in diesem Buch kräftig aus:
Geißelt alles, was Transparenz und Öffentlichkeit scheut.
Was desinformiert und diskriminiert.
Was demütigt und entmündigt: etwa die Frauen, die Arbeiter, den Bürger.
Kritisch hält er den Perversionen der Gegenwart den Spiegel vor:
etwa kapitalistischen Profitinteressen, die Lebensgrundlagen zerstören,
die den Menschen zum Kostenfaktor reduzieren,
die junge Menschen in prekären, unsicheren Arbeitsverhältnissen belassen, die aus Angst vor Armut keine Familie gründen.

„Im Zweifel für den Menschen!“ lautet das Credo von Heiner Geißler.
„Aufklärung jetzt“ lautet seine Forderung. In den vielfältigen Formen massenhafter Protestbewegungen, bis hin zu Stuttgart 21, sieht er die Aufklärung voranschreiten.
Er, der Schlichter von Stuttgart 21, der mit dem wegweisendem Faktencheck, mit öffentlichen Hearings, auch im Internet übertragen, Maßstäbe gesetzt für Information und Transparenz. Und zugleich einen Prototyp an umfassender Bürgerbeteiligung im Zeitalter des Internets, an dem künftig niemand vorbeikommen dürfte.

Dem „Wutbürger“ setzt Geißler ein besonderes Denkmal.
„Wutbürger“, wir erinnern uns: das war das Wort des Jahres 2010, gewählt von der Gesellschaft für deutsche Sprache. Ein Ausdruck der Empörung über Entscheidungen, die über die Köpfe der Bürger hinweg gefällt werden.
„Wutbürger“, Wort des Jahres 2010, knapp gefolgt vom Wort „Stuttgart 21“. Ein Ranking, das trennt, was zusammengehört,
wie uns der legendäre Stuttgart-21-Schlichter Heiner Geißler sicherlich bestätigen kann. Denn der setzt dem „Wutbürger“ in seinem Buch „Sapere aude!“ - „Habe Mut, selber zu denken“ - ein ganz besonderes Denkmal. Seien Sie gespannt.
Wie sagte dazu Markus Lanz in seiner eingangs zitierten Talkshow vom 29. März: „Was lange gärt, wird endlich Wut!“

Herzlich willkommen beim 10. Eifel-Literatur-Festival 2012,
herzlich willkommen im Atrium des Cusanus-Gymnasiums Wittlich - Dr. Heiner Geißler, Landesminister a.D., Bundesminister a.D. - und einer der brillantesten Köpfe und Redner unserer Republik. Und schon zum dritten Mal nach 2006   in Prüm und 2010 in Bitburg ein gern gesehener Gast des Eifel-Literatur-Festivals - heute Abend in Wittlich: Dr. Heiner Geißler.