Einführungsrede Margot Käßmann am 14.11.2008

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

„Grabesstimmung im Gotteshaus“.
Dramatisch und düster klang, was am Dienstag dieser Woche in der Tageszeitung „Die Welt“ zu lesen war:
- dass der katholischen Kirche die Gläubigen weglaufen;
- dass die gute, alte Volkskirche bröckelt;
- dass nichts mehr selbstverständlich ist: weder die regelmäßige Beteiligung am liturgischen Leben noch die Teilnahme an den Sakramenten;
- dass es brodelt in vielen deutschen Bistümern, wenn sich Bischöfe daran machen, Stellenpläne zu streichen, Kindergärten zu schließen, Kirchen zu verkaufen oder abzureißen und historisch gewachsene Pfarreien per Verordnung von oben zusammenzulegen - zu immer anonymer werdenden Großraumpfarreien.

Nicht wenige Gläubige reagieren da mit Unwillen und Protest und bangen um ein Stück geistiger Heimat.
Trotz „Benedikt-Faktor“, trotz „Wir sind Papst“.

Dass immer mehr Menschen nach Religion fragen, nach Halt und Orientierung im Glauben und im Gebet - dass sie die Antworten darauf aber nicht unbedingt in der Kirche zu finden meinen.
Dass Menschen am Glauben interessiert sind und doch nicht mehr in der Kirche beheimatet:
Diese sorgenvolle Beobachtung steht auch am Anfang von Margot Käßmanns Buch „Mit Herzen, Mund und Händen. Spiritualität im Alltag leben“ - dem Buch des heutigen Abends.

Ein Versuch, die Schatztruhe christlicher Spiritualität zu öffnen, zu sichten, Staub zu entfernen und immer noch Funkelndes freizulegen.
Der sinnlichen Erfahrung im christlichen Glauben neuen Raum zu geben, der Lebensfreude, der Leichtigkeit des Herzens in einer Zeit, in der das Christentum in Westeuropa, wie sie schreibt, „oft so ausgetrocknet wirkt, wenig lebensfroh und meist abseits des Alltags“.
Da bahnt Margot Käßmann Wege zu einer christlichen Spiritualität, die mehr sein soll als modische wie profitträchtige„Wellness-Spiritualität“: Schweigekurse für Manager etwa oder Tai-Chi für das innere Gleichgewicht.
Da legt sie tragende Säulen christlicher Spiritualität frei. Da lotet sie - in fiktiven Gesprächen mit Großen der Kirchengeschichte wie mit stillen Helden des Alltags - da lotet sie produktive Spannungsfelder aus, etwa zwischen Beten und Handeln, Selbstliebe und Nächstenliebe, Glaube und Weltverantwortung.
Um schließlich 16 Möglichkeiten aufzuzeigen, Spiritualität ganz konkret zu erproben. Glaube nicht nur als Sache des Intellekts, des Kopfes, sondern wahrgenommen mit allen Sinnen.

Wenn wir Margot Käßmann einladen zum Eifel-Literatur-Festival, wenn wir mit ihr den Schlusspunkt setzen unter eine bücherreiche Litera-T(o)ur durch die Eifel - dann geben wir natürlich immer auch dem „Buch der Bücher“, der Bibel, eine Bühne.

Und einer Frau, die vielen als „die bekannteste Theologin Deutschlands“ gilt. Als die „prominenteste Protestantin“. Eine „Power-Bischöfin“ - die hannoversche Landesbischöfin, Chefin der größten lutherischen Landeskirche Deutschlands mit knapp 3, 3 Mio. Mitgliedern.
Eine „erfrischend untypische Vertreterin des Christentums - und darum unter Gläubigen wie Ungläubigen äußerst beliebt“,wie es im ARD-Porträt „höchstpersönlich“ hieß, ausgestrahlt am 1. Mai 2008 anlässlich eines runden Geburtstags.

Als klug gilt sie und als charmant, als mutig, engagiert und streitbar, als glaubwürdig, geradlinig und offen.
Nicht zuletzt für die Benachteiligten der Gesellschaft setzt sie sich ein und nimmt damit „das Wächteramt der Kirche in sozialen und politischen Fragen ein“, wie es einmal im Rat der EKD hieß.
Für eine Kirche kämpft sie, die mitten im Leben steht und nah bei den Menschen ist - lebensfroh und bejahend.
Vor wenigen Wochen erst wurde sie dafür von der Zeitschrift „Cicero“, dem Magazin für politische Kultur, auf Platz 9 der 100 Top-Frauen Deutschlands gewählt wurde. Übertroffen nur noch von einem Fernsehmagazin, das sie 2006 zur „Frau des Jahres“ wählte - als Nachfolgerin der Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Herzlich willkommen beim 8. Eifel-Literatur-Festival 2008, da, wo wir im April mit Martin Walser gestartet sind und wo wir nach fast 30 Veranstaltungen das Finale einläuten: Herzlich willkommen in Prüm - „das moderne Gesicht des deutschen Protestantismus“: Bischöfin Dr. und Dr. h.c. Margot Käßmann aus Hannover.

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