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Martin Mosebach am 27.05.2008 in Monschau
Einführung von Dr. Josef Zierden, Eifel-Literatur-Festival
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
welch eine Wende, welch ein Aufstieg - der Weg des Schriftstellers Martin Mosebach!
Vom jahrelangen Insider-Tipp für „Eingeweihte“ bis zur endlichen Anerkennung als einer der gewichtigsten Autoren der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur - spätestens im Herbst 2007, vor wenigen Monaten erst, mit der Verleihung des wichtigsten und renommiertesten Literaturpreises, der in Deutschland vergeben wird: dem Georg-Büchner-Preis.
Noch bis Ende der 90er Jahre waren Martin Mosebachs Werke, allen voran seine Romane, nur wenigen bekannt: „Das Bett“ etwa, 1983 erschienen, „Ruppertshain“ (1985), „Westend“ (1999) oder „Die Türkin“ (1999). Immer wieder mit seiner Geburtsstadt Frankfurt am Main als Ausgangspunkt - für Martin Mosebach „eine der verdorbensten und häßlichsten Städte Deutschlands“ und „eine der schönsten“ zugleich. Hässlich und gehasst in der Realität, mit seinem städebaulichen Brutalismus - schön und geliebt nur in der Vorstellung, nur in der Phantasie.
Eine Hassliebe also - und doch immer im Zentrum: seines Lebens und seines literarischen Werks.
Als Sehnsuchtsziel wie als Spiegel vielfältiger Entfremdung und immer wieder als Aufbruchsort in ferne, fremde Welten, die den nüchternen Alltag entgrenzen. Wie der Ich-Erzähler im Roman „Die Türkin“, der - wiewohl am Anfang einer großen Karriere - alles stehen und liegen lässt, um in einer Art „Liebesexpedition“ einer jungen, wunderschönen Türkin an die Küste Lykiens zu folgen und zeitweilig in einem phantastischen orientalischen Wunderland abzutauchen.
Mehr als ein Geheimtipp wurde Martin Mosebach spätestens mit dem Roman „Der Nebelfürst“, 2001 erschienen - ein episches Meisterstück, mit dem sich Mosebach in die erste Liga der großen deutschen Erzähler geschrieben hat. Eine furios handlungsreiche, witzige Hochstaplergeschichte mit Elementen des Schelmen- und Abenteuerromans.
Um einen ehrgeizigen Journalisten des Berliner Lokalanzeiger geht es da, der im deutschen Kaiserreich der Jahrhundertwende, im Zeitalter des weltausgreifenden Imperialismus, mit einem abgetakelten Dampfer in die Antarktis reist, an den Nordpol, um die bei Spitzbergen gelegenen Bären-Insel zu entdecken und zu erobern. Ein Inselreich, ganze 85 qkm groß, mit vermuteten Kohlevorräten, gleichsam ein herrenloses „Ruhrgebiet“, das nur darauf wartet, in privatem und selbstverständlich nationalem Interesse ausgebeutet zu werden.
Auftakt eines Zeitalters der neuen weltumspannenden Ökonomie, in der, über den Preis, alle Dinge vergleichbar werden - ein Geranientopf mit einer Königskrone, ein Gedicht mit einer Lokomotive und eben mit einer eisigen und nebelverhüllten Bären-Insel - in „weltumspannender Totalbeziehung von allem mit allem“.
Und zugleich eröffnet sich der Presse eine neue Ära: befreit sie sich doch vom Joch der unplanbar-zufälligen Ereignisse und erfindet nunmehr die Ereignisse selbst, über die sie berichtet.
Vollends zum Zentralgestirn der deutschen Gegenwartsliteratur stieg Martin Mosebach dann auf im Herbst 2007: mit der Verleihung des gewichtigsten Literatur-Preises, der in Deutschland vergeben wird, dem Georg-Büchner-Preis. Grund genug zu respektvoll würdigenden bis zuweilen kritisch schmähenden Einschätzungen im deutschen Feuilleton. Ein Unzeitgemäßer werde da geehrt, ein Außenseiter des Literaturbetriebs, einer, der aus dem Rahmen falle; erkennbar schon am äußeren Habitus mit notorischem Anzug, Krawatte und Einstecktuch; der der Gegenwart kritisch gegenüber stehe, der das Etikett „reaktionär“ gar als Ehrentitel betrachte;
vor allem aber ein virtuoser Erzähler, sprachlich perfekt; ein Meister der Form; humorvoll, sensibel in der Wahrnehmung, akribisch detailverliebt und immens sinnlich in der vertieften poetischen Wiedergabe der Welt. Der ein poetisches Personal aufmarschieren lasse in seinen Romanen, das einer Truppe fröhlicher Taugenichtse gleiche, halb lebenstauglich, halb weltfremd, Hochstapler darunter und Lebenskünstler, Abbrecher und Aussteiger.
Dass die Preisverleihung auch heftige Kontroversen auslöste und einer Literaturkritikerin wie Sigrid Löffler so gar nicht passte, sei nicht verschwiegen.
Und Mosebachs Preisrede dann zum Büchnerpreis: sie gilt schon jetzt - laut FAZ - als eine der besten und gewichtigsten Autorenreden der letzten Jahre überhaupt. Allerdings sorgte auch sie im Herbst 2007 für erhitzte Diskussionen. Denn Mosebach wandte sich da, ausgehend von Büchners Revolutionsdrama „Dantons Tod“, der Frage des politisch motivierten Massenmords zu, der Legitimation, Menschen millionenfach zu vernichten im Namen einer politischen Idee - und schlug dabei eine Brücke von Robespierre zu Heinrich Himmler.
Der Pulverdampf der erhitzten Diskussion war noch kaum verraucht, da erschien Mosebachs jüngstes Buch auf der literarischen Bühne - mit 192 Seiten statt der mosebachüblichen 600, 700 oder 800 Seiten eher eine Novelle als ein Roman; ein bezaubernder Liebesroman, ein luftig-leichtes Sommerstück, inspiriert von Shakespeares Komödie „Ein Sommernachtstraum“. Wenn sich in der nächtlichen Schwüle eines Hinterhofs am Baseler Platz in Frankfurt eine multikulturelle Gesprächsrunde, die alte Ordnungen und eheliche Harmonien bröckeln und Chaotisches und Triebhaftes die Oberhand gewinnen lässt.
Ein Sommernachtstraum als Lesung, eine Lesung als Sommernachtstraum - herzlich willkommen beim 8. Eifel-Literatur-Festival 2008 in der Nordeifel, in Monschau, herzlich willkommen Martin Mosebach.


