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Fabulierkunst vom Feinsten

26.05.2018

Saša Stanišić, Sprachkünstler, -spieler, und -illusionist bietet kammerliterarischen Abend in Wittlich

Sasa StanisicAls intensive Begegnung mit einem Sprachvirtuosen lässt sich der achte Leseabend des diesjährigen Eifel-Literatur-Festivals überschreiben. Der aus Bosnien stammende Autor Saša Stanišić las vor 200 Besucherinnen und Besuchern in der ehemaligen Synagoge in Wittlich aus seinem Erzählband „Fallensteller“ und gab im Gespräch mit Dr. Josef Zierden Einblicke in sein Leben und seine Arbeit.

Klein, aber fein, heiter und auch ein bisschen melancholisch gestaltet sich der Abend mit Saša Stanišić im ehrwürdigen Ambiente der ehemaligen Synagoge in Wittlich. Der bewusst gewählte, fast intime Rahmen ermöglicht schon vor der eigentlichen Lesung ein Zusammentreffen mit dem 40jährigen Autor. Er begegnet seinen Mitmenschen mit offenem Blick und freundlichem Gruß - überaus sympathisch. An öffentliche Auftritte ist er seit Erscheinen seines Debütromans „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ (2006) gewöhnt. Als mehrfach Preisgekrönter, dessen zweites Buch „Vor dem Fest“ sogar Abiturlektüre in Hamburg ist, wird er zu Lesungen sowohl in Wohnzimmern als auch Mehrzweckhallen eingeladen. Und immer steht dann die Frage im Raum, die auch Dr. Josef Zierden gleich zu Beginn in Wittlich formuliert: Wie ist es möglich, dass ein junger Mann, der mit 14 Jahren aus seinem Heimatland Bosnien-Herzegowina vor dem Krieg geflohen und ohne Deutschkenntnisse in Heidelberg gelandet ist, nur 14 Jahre später einen Bestseller landet, mit dem er sich als Sprachvirtuose in den Olymp der deutschen Literatur katapultiert? Saša Stanišić beantwortet sie mit seiner noch kindlichen Lernfähigkeit als Teenager, seiner Lust an der Sprache und dem großen Glück, dass ein engagierter Deutschlehrer sein Talent erkannt und gefördert hat. Stanišić begreift den Umgang mit Sprache als Handwerk und hat bei dessen Ausübung einen sehr hohen Anspruch an Ästhetik, Präzision und Stimmigkeit: „Ich bin ein langsamer Schreiber, ich arbeite solange, bis der Satz da steht, der da stehen muss“, erklärt er. Dem Drechseln und Feilen gehen Beobachtung, Recherche und ein „Gärprozess“ voraus. Er schreibe nicht aus dem Moment, betont der Autor. Das Grundthema, das in ihm gärt und - wie der Abend noch zeigt - in verschiedenen Motiven wiederkehrt, ist in ihm und seiner Biografie selbst angelegt.

Der Fallensteller

Stanišić erzählt vom „Zwischen-den- Welten-Stehen“ und spürt Identitäten hinterher. Denn er selbst hat als Spannungsfeld erlebt, seine Wurzeln hinter sich lassen zu müssen und in einem neuen Land zwar Heimat aber nicht immer Wohlwollen zu finden. In seinem neuesten Band, in dem er sich bewusst auf Kurzprosa als „fokussierten Moment in der Wahrnehmung“ verlegt hat, lässt er etliche Wanderer zwischen den Welten über das Motiv des Reisens lebendig werden. Die Figur, die dem Buch den Namen gegeben hat, ist der „Fallensteller“, ein dem Rattenfänger vergleichbarer Fremder, der ins abgelegene uckermärkische Dorf Fürstenfelde kommt, dort tierische Plagen und menschliche Probleme beseitigt, betrogen wird und sich dann in einen rächenden Teufel verwandelt.

Sowohl seine Geschichte als auch die um den Geschäftsreisenden Georg Horvath, den der Verlust sprachlicher Präzision und die konventionellen Erwartungen seiner dominanten Ehefrau verstimmen, sind zwei Lesebeispiele, die zu den Höhepunkten des Abends gehören. So temperamentvoll sprudelnd ihr Vortrag, so fantastisch, komisch und hintersinnig ist ihr Inhalt. In wohlfeilen Formulierungen, die wie locker hingeworfen wirken, entfaltet Stanišić ein literarisches Pendant zum Fußball-Dribbling. Da fliegen Bälle leicht von hier nach dort, und es wird kräftig angetäuscht. Nichts ist wie es scheint, die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschwimmen, Ernstes wird herzzerreißend komisch, Banales interessant und Konventionen werden mit Spaß zerlegt. Immer wieder sorgen Anspielungen auf den Autor selbst für Gelächter: In der Fallensteller-Geschichte beispielsweise berichtet der Erzähler übers uckermärkische Fürstenfelde, dass da ein Schriftsteller gewesen war, ein Jugo, „aber ein verweichlichter Jugo, ganz ungewöhnlich…“.

Stanišić wickelt seine Zuhörerinnen und Zuhörer ein und führt sie zum Schluss auf den Leim, in dem er aus seinem Buch etwas vorliest, was gar nicht drinsteht, dass nämlich ein Protagonist im Tesla nach Wittlich unterwegs ist, dort den Organisator eines Literatur-Festivals trifft und in einer Synagoge lesen soll.

Einem Fallensteller mit so viel Herz kann nur so großer Applaus gebühren, wie er am Ende in Wittlich aufbrandet.

Anke Emmerling

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